Wie Matthias Ackeret, Schawinski-Fan der ersten Stunde, seinem Idol nacheifert
Der Tutti-Frutti-Pirat vom Kohlfirst pilgert nach Como
Zuerst hörte er nur ein Rauschen – kein gewöhnliches Rauschen, denn es kam direkt vom Pizzo Groppera. Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich Matthias Ackeret an jenen Abend, an dem er nervös an
seinem Transistorradio herumdrehte – und plötzlich bekam er auf 101,6 Megahertz die Testsendung von Radio 24 in sein Zimmer! «Dieser Moment hat mein Leben verändert», gibt er zu.
Über dem Bett des 16jährigen Kantonsschülers hing ein Poster mit Roger Schawinski vor seiner riesengrossen Senderantenne. Wie gerne wäre er selbst dabeigewesen, zusammen mit den Radiopiraten auf dem
Berg jenseits der Schweizer Grenze! Doch jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als mitten im Dezember 1979 bei fünf Grad Minus durch den halben Kanton Schaffhausen zu radeln und Unterschriften «für
ein freies Radio in der Schweiz» zu sammeln.
Weil er sich dabei erkältete, konnte er nicht bei der Übergabe der Petition vor dem Bundeshaus dabeisein. Und an die Demo auf dem Bürkliplatz liessen ihn die besorgten Eltern nicht gehen. Doch er
nahm das Ereignis auf Band auf und spielte es so oft ab, bis es leierte.
Im Gegensatz zu den Zürcher Jugendunruhen anfangs der achtziger Jahre habe es sich beim Kampf um Radio 24 um eine «berechenbare, anständige Revolution» gehandelt, so sieht es Ackeret heute. «Als ich
in der Tagesschau das brennende AJZ sah, hatte ich den Eindruck, die ganze Stadt sei im dauernden Bürgerkrieg.» Mit Roger Schawinski hingegen habe man sich identifizieren können, ohne gleich den
Staat abzulehnen. Sogar sein Vater, Lehrer von Beruf, hegte Sympathien für den Widerstand gegen die Mächtigen in Bern. Als der Sender gewaltsam stillgelegt wurde, trug die ganze Klasse als Zeichen
der Anteilnahme einen schwarzen Schal um den Hals. Sogar eine Schweigeminute wurde abgehalten.
Mit zwei Freunden erfüllte er sich seinen grössten Traum: einen eigenen Piratensender! Illegal sendete Radio Tutti Frutti aus dem Kanton Zürich nach Schaffhausen. Zu angekündigten Zeiten versteckten
sie sich mit einem selbstgebastelten Sender und einem Kassettenrekorder auf dem Kohlfirst und spielten für eine Handvoll Hörer das vorproduzierte Tonband ab.
Im Äther nannte sich Ackeret «Roger», und mit lässigen Sprüchen versuchte er, seinem Idol so nahe wie möglich zu kommen. Dreimal wurden sie von der PTT geschnappt. «Zuletzt kamen sie zu fünft mit
Schäferhunden und nahmen uns die Geräte weg», berichtet Ackeret stolz. Noch heute stehe an dieser Stelle im Wald eine Gedenktafel mit der Inschrift: «Radio Tutti Frutti, für die Freiheit des freien
Senders.»
Dann nahm er am Wettbewerb eines Schaffhauser Radio- und Fernsehgeschäfts teil. Die Aufgabe war, Marie-Therese Gwerder und Bernhard Russi möglichst originell zu interviewen.
«Bekommen Sie oft Heiratsanträge?» wollte er von der attraktiven Fernsehmoderatorin wissen, und dem smarten Skistar überreichte er eine Flasche Wein, «weil Sie ja für ein Sportlergetränk Werbung
machen.» Die Zuschauer amüsierten sich über Ackerets Schabernack, und prompt gewann er den ersten Preis: eine Busreise zu Radio 24 nach Como!
Etwas enttäuschend sei es schon gewesen, dieses Null-acht-fünfzehn-Häuschen in einer stieren Wohnsiedlung. Doch als am Sonntagmorgen Roger Schawinski leibhaftig eintraf, um seine berühmte
Karibikstunde zu moderieren, wähnte sich der Fan am heiligsten Ort des Universums. Sobald er sich ihm aber nähern wollte, stellte sich ein Mitarbeiter in den Weg. «Herr Schawinski will nicht gestört
werden», knurrte er ihn an.
So sass Ackeret ehrfürchtig im Erdgeschoss, während Schawinski einen Stock weiter oben seine positiven Schwingungen verbreitete.
Ackeret war berührt: «Diese Situation, ihm so nahe zu sein, ihn aber doch nicht zu sehen, erhöhte den Mythos nur noch mehr!»
*
Dezember 1983: «Hoi Roger, wie goht’s?» Betont locker begrüsste Matthias Ackeret, unterdessen Moderator beim Schaffhauser Lokalradio Munot, seinen Interviewgast im Who is Who.
«Bi chli vercheltet im Augeblick», antwortete Roger Schawinski, er sei total im Stress, habe sogar über Weihnachten gearbeitet.
Seit einem Monat, so Ackeret, sende Radio 24 nun vom Üetliberg – völlig legal, wie 36 weitere Stationen in der Schweiz. «Nach vier Jahren als Radiorebell: Kann dich das noch befriedigen, wenn es
jetzt plötzlich Hunderte von Rogers gibt?»
«Die fühlen sich vielleicht so. Kaum haben sie ein Mikrophon und ein Mischpult vor sich, meinen sie, sie haben das Radio erfunden.»
Ob sich denn der Wechsel von Como nach Zürich überhaupt gelohnt habe, wollte Ackeret jetzt wissen.
Schawinski: «Das frage ich mich mit jedem Tag mehr. Die in Bern kommen am Morgen ins Büro und fragen, was können wir heute verbieten. Ein bisschen Piratenmentalität wäre gar nicht schlecht in der
Schweiz, wo alles so genau und reglementiert ist.»
Trotzdem finde er es übertrieben, dass Schawinski heute morgen den Bundesrat in Strassburg wegen Menschenrechtsverletzung eingeklagt habe, nur weil gewisse Radioprogramme in den Schweizer Kabelnetzen
nicht verbreitet werden dürfen, kritisierte Ackeret. «Für mich werden Menschenrechte in Chile oder in Argentinien verletzt.»
«Ihr seid doch auch für die Freiheit!» rief Schawinski empört. «Wenn der Staat bestimmt, was wir hören, lesen und sehen dürfen, dann hört alles auf!» In der europäischen Menschenrechtskonvention gehe
es eben nicht nur um Leib und Leben, sondern auch um die Informationsfreiheit. «Merkt ihr denn nicht: Wenn ihr dort eine Freiheit aufgebt, wird euch morgen plötzlich verboten, den Tages Anzeiger zu
lesen! Denkt doch nicht so kleinbürgerlich!»
Etwas irritiert klemmte «Kleinbürger Ackeret» den «Grossbürger Schawinski» ab: «Vielen Dank, Roger, für dieses Gespräch. Ich sehe, Du hast die Midlife-crisis noch lange nicht erreicht.»
«Woher willst Du das wissen?» fiel ihm Schawinski aufgeregt ins Wort, «das hast Du doch überhaupt nicht herausgefunden!»
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