Hundert Tage Tele 24: Erst die Show fürs Publikum, dann der Apero im engsten Kreis
Kindergartenspielchen und Weisswein aus Plaskikbechern
Im vierten Stock stoppt der Lift aus Glas und glänzendem Chromstahl. Lautlos öffnen sich die Türen zu Schawinskis TV-Imperium auf dem Steinfels-Areal. Die Sekretärinnen beim Empfang reden über
Katzenfutter, während im Fernseher hinter ihrem Rücken Hugo Bigi in den Swissnews den Doppelrücktritt der Bundesräte Flavio Cotti und Arnold Koller bekanntgibt.
Durch die langen Korridore, in denen es noch nach frischer Farbe riecht, schwirren junge Frauen und Männer wie in einem Bienenhaus. Lauter Gesichter, die man schon irgendwo gesehen hat. Gegenseitig
rufen sie sich Aufmunterndes zu: «Hey, super gsi, dini Show!» oder «So cool, Din Stand-up vo geschter!»
Das Lampenfieber steigt minütlich: Es ist hundert Tage Tele 24. Eine prima Gelegenheit, sich und den Sender zu inszenieren. Geplant sind eine Jubiläumssendung und ein Talktäglich mit Peter
Rothenbühler als Inquisitor.
Im winzigen VIP-Raum, einem umfunktionierten Abstellkämmerchen mit grünem Teppich und vier Ledersesseln, besprechen Schawinski und Rothenbühler das bevorstehende Spektakel. «Stimmt es eigentlich,
dass Dein Hocker höher ist, damit deine Gäste immer zu Dir hinaufschauen müssen?» will Rothenbühler wissen?
«Das wirkt nur so wegen der Perspektive.»
«Du machst alle klein, sogar mit der Kameradramaturgie!» beharrt Rothenbühler. Unbedingt wolle er das Rededuell auf Schawinskis Stuhl führen und ausnahmsweise gleich selbst die berühmte Sanduhr
umdrehen.
Kurz darauf lehnen sie Rücken an Rücken im Coiffeurstuhl. Schawinski mustert launig sein Spiegelbild, zeigt mit den Fingern auf einzelne graue Haare, die – wie sofort alle Herumstehenden versichern –
überhaupt nicht zu sehen sind. «Hey, ich lasse mich auf uralt schminken», scherzt er aufgekratzt, «und dann tun wir so, als feierten wir bereits hundert Jahre Tele 24!»
In diesem Moment kommt die Zürcher CVP-Politikerin Rosemarie Zapfl zum Abschminken in die Maske. Vor wenigen Minuten hat sie sich auf Tele Züri als mögliche Bundesratskandidatin präsentiert. Jetzt
zieht sie Schawinski auf: «Ich habe mir immer geschworen, von diesem Schawinski lasse ich mich nie im Leben interviewen!»
«Wenn sie nicht zu mir kommen wollen, müssen sie sich gar nicht erst als Bundesrätin bewerben», kontert Schawinski.
Höchste Zeit zum Aufbrechen – im Studio läuft bereits der Count-down. «Ich habe das Gefühl, ich bin gar nicht so spannend», kokettiert Schawinski am Tischchen, an dem er schon über 700 Leute
zerpflückt hat.
«Warum sitzt Du denn hier?» stichelt Rothenbühler, während ein Mitarbeiter an seiner Krawatte herumzupft.
«Weil ich mein Fernsehen promoten muss!»
In der überhitzten Schaltzentrale mit den über drei Dutzend Monitoren treffen die Techniker letzte Vorbereitungen, dann gibt die Produzentin das Kommando in Rothenbühlers Ohr: «Drei, zwei, eins –
Sendung läuft!»
«Warum lässt Du Dich interviewen», schiesst Rothenbühler los, «findest du Dich so spannend?»
«Nein, aber…»
«Das ist dein Problem», fällt er ihm ins Wort, «ausserhalb von Zürich kennt niemand Deinen Sender. Warum sollten sie denn zuschauen?»
«Weil wir erreicht haben, dass es ausserhalb der SRG in der Schweiz ein Fernsehen gibt, auch wenn wir keine 800 Millionen Konzessionsgelder bekommen, das ist das Wichtigste.»
«Das finden ja alle gut», beschwichtigt Rothenbühler, um gleich zum nächsten Angriff auszuholen: Die Nachrichtensendung seien holprig, völlig Belangloses werde zur News aufgeblasen. «Deine
Korrespondenten können kaum reden, sie stehen völlig verdattert vor der Kamera und tragen Kleider aus der Altkleidersammlung.» Die Unterhaltungssendungen Bistro, Blöff und Inside vergleicht
Rothenbühler mit «Kindergartenspielchen». «Findest Du das glatt, wenn Sepp Zellweger mit verbundenen Augen auf den Knien einen Weihnachtsbaum schmücken muss?»
«Gar nicht so schlecht…»
«Es wird einfach nicht geschaut!»
«Ein Sender ist am Anfang etwas völlig Fremdes in der Stube», windet sich Schawinski, «es braucht halt eine gewisse Zeit, bis uns die Leute so gut finden, dass sie auch am Abend schauen.»
Rothenbühler lässt nicht locker: «Du setzt auf Junge, die nur jung und schön sein müssen, die aber keine Ecken und Kanten haben.»
«Ich habe immer auf junge Leute gesetzt und Talente entdeckt, die jetzt zum Teil an anderen Orten Furore machen.»
Auch persönlich muss der Chef des Hauses heute Federn lassen. Er sei oft schlecht vorbereitet, kritisiert der unerbittliche Stellvertreter, entweder pflaume er seine Gäste an und versuche zu
beweisen, dass er von beiden der Grössere sei, oder er sei dermassen stolz und glücklich über seinen Stargast, dass er sich «absolut devot wie ein Hündchen» benehme – so wie kürzlich mit Tina
Turner.
Aus und vorbei. Schawinski ist sichtlich enttäuscht. «Ich habe erwartet, dass wir zusammen auch über Einschaltquoten reden», sagt er auf dem Weg in sein Büro. Auf dem Schreibtisch zeigt er ihm
Tabellen mit steigenden Einschaltquoten. «Wir haben eine Million Menschen, die jeden Tag mindestens achtzehn Minuten schauen», ereifert er sich, «und du redest von Kindergartenspielchen.»
Doch sein Puls beruhigt sich rasch. In den Ferien auf Teneriffa sei ihm eine tolle Idee für eine neue Sendung gekommen. «Wir reden mit Prominenten über ganz persönliche Themen – zum Beispiel: Wie
steht es mit der Sexualität nach so vielen Ehejahren?»
Rothenbühler nickt kennerisch. «Klingt vielversprechend…»
(Wenige Wochen später wird im Programm die Sendung Fadegrad mit Christian Handelsmann auftauchen.)
*
Nach der Spezialsendung trifft sich das Tele-24-Team im Kaffeeraum. Es gibt Weisswein aus Plastikbechern und ein paar belegte Brötchen vom Party-Service. «Schawinskis Standardmenü, wenn es etwas zu
feiern gibt», meint Videojournalist Peter Röthlisberger. Noch dürftiger sei es beim Hundert-Tage-Jubiläum von Tele Züri gewesen. «Zufällig stand noch eine angebrauchte Flasche Champagner im
Kühlschrank, und nur wer am längsten dabei war, bekam einen Schluck zum Anstossen.»
Jetzt mischt sich der Patron, im weissen Hemd mit schwarzer Bundfaltenhose, unter die Herumstehenden. Hier und dort klopft er auf die Schultern seiner Hoffnungsträger wie ein Fussballtrainer vor dem
Elfmeterschiessen. Grosszügig verteilt er Küsschen und Komplimente. Am meisten Beachtung schenkt er seiner Moderatorin Daniela Lager, dem Star des heutigen Abends. Souverän hat die 34jährige Blondine
im kurzen schwarzen Rock mit kniehohen Nylonstiefeln durch die Jubiläumssendung geführt.
Doch jetzt äussert sie Bedenken. «Meinst du, die Zuschauer können mit unserer Hundert-Tage-Feier etwas anfangen?» meint sie zu Schawinski. «Hat es diese Selbstbeweihräucherung wirklich
gebraucht?»
«Sei doch nicht so negativ», lacht Schawinski, und er ist längst auf und davon, als eine Diskussion über die Zukunft von Tele 24 ausbricht. «Wir sollten das machen, was wir am besten können», fordert
Daniela Lager, «und wir sind am stärksten in der Katastrophe!» So habe Tele 24 als einziger Sender nach der Explosion eines fünfstöckigen Wohnhauses live die Pressekonferenz übertragen – «und zwar im
Stil von CNN im Golfkrieg.»
«Die Leute müssen instinktiv auf Tele 24 schalten, wenn etwas passiert», fordert ein Studiotechniker am Stehtischchen.
«Zudem müssen wir uns eine Unterhaltungssendung einfallen lassen, die hauptsächlich von schnellen Effekten lebt», wirft ein anderer ein.
Videojournalist Matthias Ackeret holt tief Luft. Auch er überlegt sich, wie es mit seiner Karriere weitergehen soll. Er habe ein Angebot vom Konkurrenzsender TV 3; demnächst wolle er den Big Boss
darauf ansprechen. Doch eigentlich sei er felsenfest überzeugt, dass es Schawinski schaffen wird.
«Die Geschichte hat ihm noch immer recht gegeben», sagt er und blickt um sich. «Oder etwa nicht?»
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