Zwei Jahrzehnte liegen zwischen Radio 24 und Tele 24: Ist Roger Schawinski zu weit gegangen?

«So lange es gut lief, haben sich immer alle voll engagiert»

«Wenn du das machst, wird es sicher ganz super!» ermuntert Schawinski am Telefon seinen Gesprächspartner. «Also dann, bis am Mittwoch!»
Zufrieden lehnt er sich in den Bürostuhl zurück. Soeben hat Peter Rothenbühler, Chefredaktor der Schweizer Illustrierten, zugesagt, anlässlich des bevorstehenden hundertsten Sendetages von Tele 24 den Fernsehchef persönlich im Talktäglich in die Zange zu nehmen.
Hinter ihm hängen die gesammelte Zeitungsaushänge an der Wand: «Radio Schawinski kommt» – «Das ist das Ende von Radio 24!» – «Schawinski (mit Bart): Radio 24 kommt bald wieder» – «Radio 24 wieder im Äther» – «Riesen-Sympathie-Welle für Schawinski» – «Gipfel-Stürmer verteidigen Radio 24» – «Roger Schawinski tobt: Schluss mit Radio 24!» – «Radio 24 tot!» – «Radio 24 darf wieder senden!»

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Roger Schawinski, welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeiten von Radio 24?
Das Leben war eine permanente Ausnahmesituation. Vielleicht kann man sagen, es war wie im Krieg. In diesen Tagen war ich immer am Rande des Abgrundes. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat mich bis heute geprägt: Dass jederzeit in der nächsten Sekunde alles kaputt gehen kann, dass irgend eine Hiobsbotschaft alles vernichtet.
Stand das Radioteam immer voll hinter ihnen?
So lange es gut lief, haben sich immer alle voll engagiert. Aber in heiklen Phasen habe ich schon gemerkt, dass sie nicht mehr voll an mich glaubten. Sie haben sich distanziert und nach Erklärungen gesucht, warum es ihrer Meinung nach gar nicht funktionieren konnte. Nach dem ersten unfreiwilligen Sendeschluss sprang die dreiköpfige Nachrichtenredaktion ab, und als sieben Wochen später weiterging, musste ich neue Leute suchen. Einem von ihnen musste ich zuerst zeigen, wie man ein Blatt Papier in die Schreibmaschine einspannt. Der junge Mann hiess Markus Gilli (später Chef von Radio 24 und heute Chefredaktor bei Tele 24).
Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht?
Es gab kein Zurück. Ich hatte die Verantwortung für meine Mitarbeiter und für die Investitionen. Wenn nur der Hauch einer Chance bestand, musste ich weiterkämpfen. So gesehen war es gar kein heroischer Akt, sondern ich hatte einfach keine Alternative. Weder beabsichtigte ich, die Schweiz zu revolutionieren noch den Bundesrat blosszustellen.
Ihr neustes Projekt, Tele 24, ist seit bald hundert Tagen auf Sendung und kämpft mit Anfangsschwierigkeiten. Ist heute eine ähnliche Situation wie damals?
Schon ein bisschen. Wieder spüre ich, dass mein Engagement viel höher ist als das meiner Mitarbeiter. Das verstehe ich auch. Schliesslich bin ich derjenige, der sich das alles ausgedacht hat. Die anderen sehen also nicht ganz den Hintergrund. Wenn es nicht nach Wunsch läuft, gehen sie einfach ein Haus weiter. Aber ich bleibe hier zurück – und habe alles verloren.
Ihnen selbst kommen niemals Zweifel?
Klar, aber ich muss anders damit umgehen. Meine Bedenken kann ich ja nicht mit allen teilen. Damit würde ich nur die Verunsicherung unter den Angestellten steigern. Meine Aufgabe ist es, eine optimistische Stimmung zu verbreiten. Wenn ich geknickt herumlaufen würde, hätten alle das Gefühl, jetzt ist es aus und vorbei. Das ist eigentlich für mich eine der grössten Belastungen. (Pause) – Manchmal fällt es schon schwer, positive Energie auszustrahlen.
Haben Sie sich mit Tele 24 überschätzt?
Anfangs dachte ich, das ziehe ich relativ locker durch. Aber die Realität ist immer wieder brutal. Jetzt muss ich wirklich zusehen, wie ich das Schiff durchschaukle. Die erste Euphorie ist etwas sehr schwer Konservierbares. Sie muss durch Kontinuität ersetzt werden. Den Boden unter den Füssen zu finden, das ist immer die schwierigste Phase.
Was sind die grössten Unterschiede zwischen Roger Schawinski von damals und von heute?
Früher war ich eine kleine Mücke in der Landschaft. Du kannst doch nicht Radio machen, wenn der Bundesrat dagegen ist, warnten mich alle. Heute heisst es schnell einmal, der Roger hat noch alles durchgepaukt. Und vor allem sagt man: Der wohnt am Zürichberg und fährt einen Jaguar, mit dem muss man doch kein Mitleid haben.
Können Sie nachts überhaupt noch schlafen?
Manchmal liege ich schon wach und denke, das ist too much, jetzt bist du zu weit gegangen. Wenn sich schon Ringier und der Tages Anzeiger so schwertun mit dem Privatfernsehen, warum sollte ausgerechnet ich es ganz alleine schaffen? Das sind Fragen, die ich jetzt zuhause oft mit meiner Frau Gabriella diskutiere.