Statt auf den Pizzo Groppera trampt Gabriella Sontheim (Schawinskis heutige Ehefrau) nach Poona
Der graubärtige Inder und seine Botschafterin der Glückseligkeit
Etwas lag in der Luft, anno 1979: Die beiden Zürcher Politiker Christoph Blocher (SVP) und Moritz Leuenberger (SP) schafften den Sprung in den Nationalrat, und die Spraydose war – ein Jahr vor
Eskalation der Jugendkrawalle – das letzte Ventil für einige Unzufriedene, die mit Parolen wie «Nieder mit dem Packeis» und «Freie Sicht aufs Mittelmeer» die Hauswände besprühten. Derweil landete in
Zürich-Kloten in einem Flugzeug aus der Karibik der 34jährige Journalist Roger Schawinski – mit der Intention, auf dem Pizzo Groppera eine eigene Radiostation zu eröffnen. Und ebenfalls in Zürich
packte gerade die 21jährige Gabriella Sontheim, die soeben am Oberseminar abgeschlossen hatte, ihren Rucksack und trampte auf schnellstem Weg nach Poona zu einem älteren Herrn namens Bhagwan Shree
Rajneesh.
Wie viele «Bhagis» stammt Gabriella aus wohlbehütetem, autoritärem Elternhaus. «Jeden Mittag lief das Echo der Zeit auf Radio DRS 1, und alle Kinder mussten mucksmäuschenstill sein», sagt sie auf dem
hellroten Sofa und zieht an ihrer dünnen Zigarette aus indischem Beedie-Tabak. Mit eisernen Prinzipien habe ihr Vater – Generaldirektor der BBC Brown Boveri in Baden, Oberst in der Armee und
Verwaltungsrat bei der Schweizerischen Kreditanstalt – für die Familie gesorgt. Doch obschon jedes Kind sein eigenes Badezimmer hatte und Gabriella nicht wie ihre drei älteren Geschwister ins
Internat nach Zuoz oder Fetan geschickt wurde, vermisste sie irgend etwas in ihrem Leben.
Im Chaos von Bombay gingen ihr die Augen auf. «Dieser Lärm, dieser Gestank! Und so viele Menschen auf einem Haufen!» Sofort erkannte sie: «Nicht alle sind so privilegiert wie ich!»
Mit offenen Armen wurde das Wohlstandskind im Ashram von Poona empfangen. «Alle waren so happy, und das Leben war unbeschwert!» erzählt Gabriella. Aus der ganzen Welt seien die Menschen
zusammengeströmt, von allen Kulturen und Hautfarben. Und in den langen roten Gewändern habe es plötzlich keine Rolle mehr gespielt, was andere über einen denken. Niemand stellte hier Forderungen,
jeder konnte sich selber sein und befreit von gesellschaftlichem Zwang in der Gemeinschaft aufgehen. «Für mich war der Bhagwan eine Chance, mich von meinem übermächtigen Vater zu lösen», sagt sie,
«ich wechselte quasi von einem Patriarchen zum anderen.»
Weil die verwöhnte Neue vom Zürichberg den Leiterinnen des Ashrams noch etwas zu widerborstig vorkam, wurde sie erst einmal in die WC-Putzequipe gesteckt. In Gummistiefeln sei sie mit dem Schlauch
durch knöcheltiefen Dreck gewatet, beschreibt Gabriella, das sei «ein total gutes und unheimlich befreiendes Erlebnis» gewesen. Jeden Morgen schrie sie sich schon um sechs Uhr beim «dynamischen
Meditieren» das aufgestaute Elend von der Seele, und in gruppentherapeutischen Workshops tanzte sie bis zur Ekstase. So fand sie, wie vom Guru beabsichtigt, endlich zu innerem Frieden. «Ich lernte
mich gehen zu lassen und Hemmungen zu verlieren», sagt sie.
Eingentlich wollte sie nur sechs Wochen in Poona bleiben. «Doch dann hat es mir den Ärmel hineingezogen, und ich bin einfach nicht mehr nach Hause gegangen.» Bei der Initiation drückte ihr der
Erleuchtete seinen Daumen auf die Stirn und taufte sie auf den indischen Namen Ma Anand Gabriella: «Botschafterin der Glückseligkeit». In einem langen Gespräch habe er ausgeführt, woher sie komme und
welches ihre göttliche Bestimmung sei auf dieser Welt. Sein Befund: Ma Anand Gabrialla besitzt die besondere Gabe, auf ihre Mitmenschen zuzugehen, damit diese auf ihrem Weg weiterkommen und
Seelenfrieden erfahren.
Als Quittung erhielt sie die mala, eine Holzperlenkette mit 108 Kugeln und einem Porträt des graubärtigen Inders mit dem Wollmützchen. «Als Sannyasin bin ich richtig glücklich gewesen», gesteht
Gabriella.
Trotzdem machten sich die Eltern grosse Sorgen. «Wir haben Dich lieb», schrieben sie nach Poona, «komm bitte bald heim!»
*
Bereits am Flughafen wäre sie am liebsten umgekehrt. Überall glänzten ihr die Schaufenster mit Uhren und Diamanten entgegen, riesige Plakate versuchten von den inneren Werten abzulenken. Dazu kam,
dass ihr die Leute feindselige Blicke entgegenschleuderten, nur weil ihnen die roten Kleider und die Holzkette der Sannyasin nicht in den Kram passten.
Zürich hatte sich verändert in ihrer anderthalbjährigen Abwesenheit. Frustrierte Jugendliche stiegen auf die Barrikaden und beklagten den Zwang zur Norm und ein Gefühl von Enge, Kälte,
Unwohnlichkeit. Ihre Demonstrationen gegen die erstarrte Bürgerlichkeit arteten in wilde Strassenschlachten aus. Sie schleuderten Pflastersteine, und die Polizei konterte mit Wasserwerfern und
Tränengaskanonen. Für Gabriellas Argumente – dass sich Gewalt letztlich immer gegen einen selbst richte und Liebe nur aus Liebe entstehen könne – hatten ihre früheren Freunde nur Kopfschütteln übrig.
Als kurz darauf eine junge Frau durch ein Gummigeschoss ein Auge verlor, verstand Ma Anand Gabriella diese Welt nicht mehr.
Die Erlösung war eine Einladung nach Oregon, wo der Bhagwan – nach seiner dramatischen Steuerflucht aus Indien – sein neues Weltzentrum Rajneeshpuram aufbaute. Ohne zu zögern kündigte sie ihr Pensum
als Lehrerin und folgte dem Ruf des Gurus nach Übersee. Als einzige Frau liess sie sich in die Baukolonne einteilen, und obwohl sie täglich zehn Stunden und sieben Tage in der Woche an der Staumauer
für das Trinkwasserreservoir auf dem 280 Quadratkilometer grossen Territorium arbeitete, genoss sie den challenge. Durch Überanstrengung und mangelnde Erfahrung seien schreckliche Arbeitsunfälle
vorgekommen, und selbst im Winter hätten die Sannyasins in Zelten übernachtet.
Der Ashram stand jetzt unter dem Diktat der herrschsüchtigen Bhagwan-Vertrauten Ma Anand Sheela (die – so der Erleuchtete später in der Rajneesh Times – das Zentrum in Oregon gegen sein Wissen in ein
«faschistisches Konzentrationslager» verwandelt habe). Der Guru selbst – unterdessen weltweit als Sektenführer in Verruf geraten –, redete kaum noch zu seinen Jüngern; lieber protzte er mit
diamantbesetzten Rolex-Uhren und seiner immer umfangreicheren Rolls-Royce-Sammlung. Dadurch habe sich die Stimmung in der Kommune zusehends verschlechtert. «Die Magie war verschwunden», sagt
Gabriella Sontheim, «der Bhagwan hatte seine Unschuld verloren.»
Jeglicher Widerstand wurde im Keim erstickt. «Don’t be negativ!» tönte es drohend, wer nicht spure, habe auf dem Ashram nichts mehr zu suchen. Als Ma Anand Gabriella sich weigerte, in San Francisco
einen ihr völlig unbekannten Mann zu heiraten, wurde sie ebenfalls ausgestossen. Verzweifelt rief sie ihrer Schwester Carole an. Diese stieg ins nächste Flugzeug und überzeugte Gabriella, es sei das
beste, nach Hause zu kommen.
Und wieder diente ihr Beruf als rettender Anker: Nachts um elf hatte sie in Meilen ihr Vorstellungsgespräch, und tags darauf stand sie als neue Lehrerin vor ihren Viertklässlern.
Es war kurze Zeit später, beim Weihnachtsessen der Schulgemeinde, als eine Dunkelhaarige auf sie zukam. «Gell, du bist eine Sannyasin», lächelte sie freundlich. Sie heisse Rachel, unterrichtete in
der Nachbargemeinde und habe ebenfalls Workshops in Poona und Oregon besucht. Die Sympathie war gegenseitig, und so liess sie sich gerne ab und zu von der 36jährigen zum Mittagessen einladen.
Besonders ist ihr jener Mittwoch in Erinnerung, an dem Rachel wie ein Teenager herumtigerte und auf den Anruf eines Jugendfreundes wartete. «Niemand darf ans Telefon», habe sie ihre Kinder Sharon und
Arik zurechtgewiesen, «jeden Moment ist Roger dran!»
Natürlich hatte Gabriella von diesem Roger Schawinski gehört. Doch die kühnen Taten dieses Tausendsassas berührten die Sinnsucherin Gabriella nicht im geringsten.
Ganz anders reagierte sie auf den amerikanischen Sannyasin Chinmayananda, einen Karatelehrer und ehemaligen Bodyguard des Bhagwan, als dieser völlig überraschend an ihre Tür klopfte. Sie heirateten
im Juni 1987, und zusammen liessen sie sich in Santa Fe in New Mexico nieder. Da sich das wirkliche Leben von der heilen Welt im Ashram zu stark unterschied, trennten sie ihre Wege bereits nach acht
Monaten. Mit Steve, ihrem neuen Lebenspartner, führte sie die World Arts Gallery, entwarf Kleider im Ethno-Look und Schmuck aus Silber und Muscheln und handelte mit Kunstgegenständen aus Asien.
Gabriella lebte glücklich und zufrieden – nicht ahnend, dass die Weltwirtschaftskrise anfangs der 90er Jahre ihre Liebes- und Lebensgrundlage zerstören sollte. Und erst recht nicht ahnend, welche
Rolle sie später im Drama um Rachel und Roger spielen sollte.
Schawinski online

