Als Millionär und gefeierter Medienpionier kehrt Schawinski nach Zürich zurück – und scheitert als Familienvater

Vom unrasierten Piraten zum properen Businessmann mit Dallas-Allüren

Es war am 2. August 1967, als in der Regionalzeitung Die Ostschweiz Roger Schawinskis erste Kolumne unter dem Kürzel «R. Sch.» erschien. Der aufstrebende Student an der Hochschule St. Gallen versetzte sich gedanklich schon einmal in die Welt der High-Snobiety, wo teure Autos und schöne Frauen eine wichtige Rolle spielen. «Ich war unterwegs ins Büro, genau wie immer», beginnt die Geschichte, «plötzlich stoppte ein dunkelroter Sportwagen neben mir, die Scheibe wurde heruntergekurbelt, und das höhensonnengebräunte Gesicht meines Freundes Albert grinste mir entgegen.»
Schawinski schildert, wie ihn dieser Albert für Samstagabend zu einer Party einlädt. Doch: Woher so schnell die passende Begleiterin hernehmen? «Im Büro angekommen zückte ich sofort mein ominöses roteingebundenes Adressbüchlein und begann eine erste, kurze Bilanz zu ziehen: Von den dort aufgeführten 82 Namen weiblicher Wesen fielen aus: 21 wegen Auslandaufenthalt, 36 mit festen Freunden, 4 mit Gipsbeinen und anderen Wintersportsouvenirs, 6 wegen ernstgemeinten Prüfungsvorbereitungen und elf konnten überhaupt abgestrichen werden (verlobt oder verheiratet). Somit verblieben noch ganze vier reizende, süsse, liebenswürdige Mädchen.»
Zuversichtlich beginnt er herumzutelefonieren, allerdings nicht, ohne sich zuvor «mit einigen Seiten erfrischender Lektüre aus Casanovas Memoiren gestärkt zu haben». Nach zwei Misserfolgen und einigen Gläsern Rotwein schwört er sich, am nächsten Fackelzug für das Frauenstimmrecht teilzunehmen, «auf dass die Frauen so weit emanzipiert werden, dass sie sich selbst an Parties mitbringen, und dass die viertausendjährige Asymmetrie der männlichen Überforderung endlich ein Ende nähme!»

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Es fiel Schawinski nie leicht, die passende Partnerin für den jeweiligen Lebensabschnitt zu finden. In der Radio-Gründerzeit war es Ina, mit der er durch dick und dünn ging. «Sie war die ideale Gefährtin in dieser Zeit des permanenten Alarms», sagt er, «sie war meine Komplizin in einer knallharten Kampagne.»
Die Beziehung war zumindest so lange unproblematisch, als sich die Lebensumstände nicht änderten. Doch bald entpuppte sich Radio 24 als wahre Goldgrube. Schawinskis Kalkül präsentierte sich denkbar einfach: Die Betriebskosten – Löhne für 14 Mitarbeiter sowie Abschreibungen – betrugen monatlich 250’000 Franken, mit täglich 20 Minuten verkaufter Werbung war Schawinski bereits im Plus. Als Ende des Monats plötzlich zwischen fünfzig- und hunderttausend Franken übrigblieben, habe Schawinski realisiert: «Entweder stehe ich bei der nächsten Senderschliessung vor einer Riesenpleite, oder ich bin ziemlich schnell Millionär!»
Im Gegensatz zu Ina, die nichts gegen ein Leben im Wohlstand einzuwenden hatte, tat sich Schawinski schwer mit dieser Perspektive. «Nach wie vor weigerte ich mich, den Lebensstandard den neuen finanziellen Möglichkeiten anzupassen», notierte er in einem unveröffentlichten Buchmanuskript. «Der Konsumterror würde mich auch jetzt nicht fressen, schwor ich mir. Da ich seit langem gewusst hatte, dass das Streben nach persönlichem Luxus korrumpiert, würde ich mich durch die Umstände nicht in diese Falle locken lassen.»
Trotzdem zogen sie auf Inas Drängen aus ihrer Zweizimmer-Stadtwohnung in eine Einfamilienhaussiedlung im aargauischen Oberwil mit gemeinschaflichem Hallenbad und Sauna. Das bedeutete für Schawinski ein «unbeschreiblicher Luxus», und «mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend» habe er den Mietvertrag über monatlich 3000 Franken unterschrieben. Die Skepsis schien ihm recht zu geben: Kurz darauf erfolgte die erste Schliessung von Radio 24.
Doch nach kurzem Unterbruch kam die Geldmaschine auf dem Pizzo Groppera wieder zum Laufen. In April 1981 überstürzten sich die familiären Termine: Mitte Monat liess sich Ina scheiden; am 24. April vermählte sie sich mit Roger in Oberwil («Die Trauung um 17.45 Uhr dauerte nicht lange», berichtete das Aargauer Volksblatt, denn «nach aargauischem Gesetz darf nur bis um 18 Uhr geheiratet werden»); und bereits am 28. April kam Kevin zur Welt.
Ausgerechnet an diesem Tag sollte der Trendsetter Award des amerikanischen Billboard-Magazins, der weltweit grössten Musikzeitschrift, an Roger Schawinski verliehen werden («For courageously introducing commercial radio into Switzerland against all odds»). Trotz Kaiserschnitt schaffte es der frischgebackene Papa nicht mehr rechtzeitig zur Siegerehrung nach Berlin.
Nach letzten Wirren auf dem Pizzo Groppera (einmal machte sogar das Gerücht die Runde, Schawinski wolle den Sender an den libyschen Diktator Moamar El Ghadafi verkaufen, um sich vor dem Konkurs zu retten) war ihm die Anerkennung als unerschrockem Radiopionier gewiss. Als nach 2592 Stunden Funkstille am 4. Mai 1982 die dritte und letzte amtliche Schliessung aufgehoben wurde, rasierte sich Schawinski den Bart – und mutierte vom Piraten zum properen Familienvater und Geschäftsmann.
Bereits kündigte der Bundesrat die neue liberale Rundfunkverordnung (RVO), und sogar Fernsehunterhalter Kurt Felix spielte jetzt mit dem Gedanken, in St. Gallen ein werbefinanziertes Lokalradio Gallus zu gründen («Es würde sich um bürgernahe, fröhliche und unterhaltsame Radioprogramme handeln, die den direkten Kontakt mit den Hörern suchen und absolut unpolitisch sind», verriet er der Bündner Zeitung).
Kein Wunder, hielt Schawinski die Zeit für reif, das lukrative Radiogeschäft alleine weiterzuziehen. Also verabredete er sich mit Financier Bernd Grohe zum Mittagessen im japanischen Restaurant Sala of Tokyo in Zürich. Beim Hantieren mit den dünnen Holzstäbchen einigten sie sich auf einen Betrag, den Schawinski für Grohes Drittelsbeteiligung hinzublättern hatte – und zum Dessert schob er ihm einen Scheck («mit einer hohen sechsstelligen Summe») über den Tisch. Erstmals in seinem Leben erlebte Schawinski das betörende Gefühl von Big Business – und wenn er sich später mit Ina daran erinnerte, redeten sie jeweils vom «Dallas-Lunch».
Überall in der Schweiz sass das Publikum gebannt vor den Apparaten, als sich Fernsehmann Heiner Gautschi im Januar 1983 live aus der guten Stube der Familie Schawinski meldete. Punkt acht Uhr ging an diesem Mittwochabend die Talkshow Unter uns gesagt auf Sendung. Der kleine Kevin blinzelte vorwitzig in die Kamera, Ehefrau Ina war bereits wieder im sechsten Monat mit Joelle schwanger, und Roger Schawinski präsentierte sich als lässigen Selfmade-Mann auf dem Höhepunkt seiner steilen Karriere.
Gerade trumpfte er mit seiner Schlagfertigkeit auf – als es plötzlich schwarz wurde auf der Mattscheibe: totaler Bild- und Tonausfall! «Das war vielleicht symbolisch, wer weiss», rätselte tags darauf der Medienkritiker des Berner Bund, «aber dass die Panne bereits nach wenigen Sekunden behoben war und die Sendung munter weiterlaufen konnte, das war typisch für Schawinski, das unermüdliche Stehaufmännchen in der helvetischen Medienlandschaft.»
Was allerdings niemand erfuhr: In Wirklichkeit hatte ein Nachbar aus der Wohnsiedlung in Oberwil mitten in der Sendung das Stromkabel herausgerissen. Schawinski war noch tagelang erschüttert über den Vandalenakt. «Was habe ich ihm angetan?» fragte er sich immer wieder. Und schliesslich kam er zur Einsicht: «Ich habe mich nicht mit ihm auseinandergesetzt.»
Erstmals musste er feststellen, wie heikel es ist, sein Leben in der Öffentlichkeit zu führen. «Auf einmal bist du anders als die anderen», sagt er, «und wenn du den Forderungen der Leute nicht gerecht wirst, dann ziehen sie dir einfach den Stecker heraus.»
Abgesehen vom Aussetzer lief der 38jährige auf Hochtouren. Ohne falsche Bescheidenheit feierte er sich und sein Radio; so berichtete er unter anderem in der Märzausgabe des Penthouse-Magazins über seinen Männertraum: «Das einzige erfolgreiche private Radiogrossprojekt in den Alpen.» Auf zwei Seiten war nachzulesen, wie er auf jenem «3000er Alpensitz, hart an der Schweizer Grenze» die grösste Antenne Europas hingestellt habe, «die ich mittels eines schenkeldicken Kaoxialkabels mit dem stärksten UKW-Sender unserer Breitengrade verband». Zuerst habe man ihn verhöhnt, seine Radiowellen würden bereits an den Glarner Alpen zerschellen.
Doch dann sei alles anders gekommen. «So etwas hat die Schweiz noch nie erlebt», so Schawinski, «die ernsten Kommentatoren der grössten Blätter des Landes spreizten verwirrt ihre Federn: Was war mit den zurückhaltenden, besonnenen Schweizern geschehen? fragten sie spaltenweise.» Der Staatsfunk, von ihm aus dem 50jährigen Monopolschlaf katapultiert, habe innert kürzester Zeit ein 24-Stunden-Programm aus dem Boden gestampft. Im ersten Programm habe man die dicke Staubschicht von den Plattentellern gepustet und kurz darauf ein drittes Programm für die Jungen vorbereitet.
Der Umzug von Radio 24 von Como nach Zürich stand nun kurz bevor, und überall in der Stadt verkündeten Radio-24-Plakate mit dem Slogan «staatl. konz.» den Triumph des geschäftstüchtigen Revoluzzers gegen die schweizerische Beamtenmentalität.
Sogar die Sendeanlagen auf dem Pizzo Groppera konnte Schawinski noch rechtzeitig verkaufen: und zwar für über eine Million Franken an den erfolgreichen Schweizer Jungverleger Jürg Marquard (Pop/Rocky, Cosmopolitan), einen alten Schulfreund aus der Handelsschule. Um so besser war seine Laune beim Abschied aus Italien am 30. September 1983.
«Es isch unheimlich de Plausch gsi!» säuselte er zwei Minuten vor Mitternacht, und ein letztes Mal legte er Polo Hofers Radio-24-Hymne auf. Doch just in dem Moment, als Marquard übernehmen und mit der Eröffnungsfeier für sein Sound Radio starten wollte, lief überhaupt nichts mehr.
«Wenn das keine Sabotage ist», ereiferte sie sich die eingeflogene Starmoderatorin Désirée Nosbusch, «wenn der Radiokrieg so anfängt, nehmen wir unsere Kopfhörer und gehen in den Bunker.»
Bald verlor auch der sonst bedächtige Marquard seine Contenance. «Der Sender ist jahrelang gelaufen», fluchte er, «es ist wirklich schwer, an einen Zufall zu glauben.»
Die ganze Nacht lagen sie sich in den Haaren, und beinahe hätten sie den Kaufvertrag zerrissen. Erst am nächsten Morgen konnte ein Techniker die Störung beheben, verursacht durch einen Wackelkontakt wegen Überhitzung des Studios durch Fernsehscheinwerfer und die vielen Partygäste.
Noch heute ärgert sich Schawinski über das chaotische Ende in Como: «Eigentlich wollte ich hocherhobenen Hauptes abziehen.»

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Die Rückkehr in ein geordnetes Leben fiel ihm schwer nach den wilden Jahren, und er ahnte, dass er nicht zum Familienvater taugte, der jeden Mittag pünktlich zum Essen kommt und am Wochenende den Rasen mäht. Trotzdem ignorierte er sämtliche Warnsignale, als Ina vom eigenen Häuschen zum perfekten Glück schwärmte. «Als ich den Grundstückvertrag unterschrieb, ist das Unheil über unsere Familie hereingebrochen», sagt Schawinski heute.
Immer vehementer habe Ina von ihm – der doch beruflich noch längst nicht am Ziel seiner Vorstellungen angelangt war – verlangt, weniger zu arbeiten und sich mehr um die Familie zu kümmern. Als sie schliesslich damit begonnen habe, die Kinder seinem Einfluss zu entziehen, habe er sich «langsam wie ein Fremder im eigenen Haus» gefühlt. Erst recht unerträglich sei alles geworden, nachdem er die Affäre mit einer Moderatorin von Radio 24 zugegeben habe.
«Das war mein grösster Fehler», glaubt er heute. «Obschon die Geschichte längst ausgestanden war, hat sie mir nie verziehen.»
Eines Tages, nach vielen gescheiterten Versöhnungsversuchen, habe er es daheim nicht mehr ausgehalten und sei in eine Stadtwohnung am Stadelhoferplatz gezogen. «Ich wollte mir einfach nicht mein restliches Leben lang immer und immer vorwerfen lassen, was ich alles falsch gemacht habe.» Nie werde er vergessen, wie er zum ersten Mal für sich alleine bei Marinello einkaufen ging. «Ich hatte den Eindruck, alle starren mich an und denken, der arme Kerl, der hat keine Familie und muss alles selber machen!»
Vor dem Scheidungsrichter habe er in erster Linie für seine Besuchsrechte gekämpft. Das Haus habe er Ina ohne Gegenwehr überlassen, damit Kevin und Joelle in ihrer gewohnten Umgebung weiterleben konnten. Doch zwei Monate später vernahm er durch einen Zufall, dass Ina das Haus verkaufe. Seine Ex-Frau habe die beiden Kinder bereits von der Schule abgemeldet und reise demnächst ab, teilte man ihm auf der Gemeindeverwaltung mit.
Kurz darauf traf er sie beim Packen an. «Tu’s nicht!» habe er sie angefleht. – Umsonst.
Seit zehn Jahren nimmt Roger Schawinski an ungezählten Wochenenden die Strecke von Zürich nach Baden-Baden unter die Räder, um sich wenigstens für ein paar Stunden in einem Restaurant oder Hotelzimmer mit seinen beiden Kindern zu treffen. Soeben hat er Joelle, als Überraschung zum 16. Geburtstag, eine Reise nach Paris offeriert.
«Sie will den Louvre sehen», schwärmt der Vater voller Vorfreude. Und übernachten wolle sie unbedingt im Ritz, «weil sich Diana und Dodi dort begegnet sind!»