Wie Schawinski Hunderttausende für den Kampf um sein Radio mobilisiert – und nebenbei zum Star wird
Der singende Rattenfänger unter der Dusche und seine Hinrichtung
Dass Ina die Schwägerin seines Financiers Bernd Grohe war, störte Schawinski nicht im geringsten. Im Gegenteil: Durch diese Liaison fühlte er sich nur um so stärker verpflichtet, dessen investiertes
Kapital gewinnbringend einzusetzen. Dies wusste Grohe sehr zu schätzen, immerhin hatte er ein paar Jahre zuvor beim Boxkampf von Muhammad Ali gegen den Deutschen Jürgen Blinn im Zürcher Hallenstadion
an einem einzigen Abend eine halbe Million Franken in den Sand gesetzt. Dem Organisator war nämlich entgangen, dass es zu einem grossartigen Fight einen passenden Gegenspieler braucht.
Im Fall von Roger Schawinski stieg der ideale Rivale gleich freiwillig in den Ring: Und zwar in der Person von Armin Walpen, einem Beamten wie aus dem Bilderbuch mit dicken Brillengläsern und
oberlehrerhaftem Auftreten (seit 1996 SRG-Generaldirektor). Als übereifriger Chef des Radio- und Fernsehdienstes im Eidgenössischen Verkehrs- und Energiedepartement (EVED) reiste er mit einer
Delegation nach Rom, um von den italienischen Behörden die unverzügliche Stillegung von Radio 24 zu fordern, falls der Sender vom Pizzo Groppera in die Schweiz einstrahle – spitzfindig berief er sich
auf den bis anhin bedeutungslosen Artikel 423 im internationalen Radioreglement. Kurz darauf drohte Walpens Chef, Bundesrat Willi Ritschard, er dulde «keinen Radio-Wildwuchs» und gedenke notfalls mit
Störsendern gegen Schawinski vorzugehen.
«Radio 24 eine Totgeburt?» titelte am 1. November 1979 die Berner Zeitung.
Aus heutiger Sicht waren die Attacken aus dem Bundeshaus das Beste, was Schawinski passieren konnte. Durch den «Schreckschuss vor den Bug von Schawinskis neuem Radiodampfer» (Tages Anzeiger) galt
Radio 24 schon vor dem Sendestart als Staatsaffäre, und sämtliche Medien stürzten sich auf den furchtlosen Rebellen und seine Getreuen. Als am 12. November erste Testsendungen in den Äther gingen,
berichtete der Blick fasziniert wie über die erste Mondlandung: «Kkkkkrrrrrchchch, jaul, piiiiiiii, krk, dann eine lässige Männerstimme: <jetz schalti dure>, und plötzlich fetzt Musik auf 101,6
Megahertz, dass einem die Ohren schlackern.»
In der Fernsehsendung Karussell kam es zum öffentlichen Kräftemessen zwischen Walpen und Schawinski. «Im übrigen braucht es gar nicht mehrere Radiostationen, wenn die eine die Gruppe Boney M. und die
andere die Gruppe Baccara spielt», stänkerte der spröde Bundesbeamte.
Darauf hatte Schawinski nur gewartet: Offenbar sei das sein Hauptargument, sonst würde er es nicht bei jeder Diskussion erwähnen, spottete er und streckte ihm unter dem Applaus der jungen Zuschauer
zwei Schallplatten als Geschenk entgegen – eine von Boney M. und eine von Baccara.
Am 28. November 1979, eine halbe Stunde vor Mitternacht, ging Radio 24 erstmals live auf Sendung. Doch Walpens Rache war süss: Bereits am nächsten Tag stellte er dem italienischen Postminister ein
Ultimatum, und am 19. Dezember unterzeichnete dieser den Schliessungsbefehl gegen Radio 24. Schawinski war gerade auf dem Weg nach Como, als er die Nachricht im Auto hörte. Im Studio herrschte
Untergangsstimmung.
«Das war’s dann wohl», seufzten Studiochef Christian Heeb und die anderen Pioniere mit hängenden Köpfen.
Es war gerade die Trostlosigkeit in den Gesichtern seiner Leute, die in Roger Schawinski das Feuer zum Widerstand entfachte. «Die Lage ist zwar hoffnungslos, aber nicht ernst!» scherzte er
aufgekratzt und verteilte erst einmal die mitgebrachten Zigerkrapfen aus der Autobahnraststätte. Dann predigte er: Niemals, auch in der schwärzesten Stunde, dürfe man sich vom Gefühl der
Auswegslosigkeit leiten lassen. Denn: «Wer fest an seinen Untergang glaubt, wird um so schneller untergehen!»
Nach kurzer, heftiger Debatte kehrte wieder Aufbruchstimmung ein: «So lange wir noch auf Sendung sind, müssen wir bei unseren Hörern einen Sturm der Entrüstung entfachen!» lautete jetzt die Devise,
und knapp eine Stunde nach seiner Ankunft setzte sich Schawinski ans Mikrophon und rief mit erregter Stimme: «Helft uns! Wenn jetzt nichts passiert, ist in wenigen Tagen Feierabend!»
Das Echo war überwältigend: Unzählige Hörerinnen und Hörer versicherten den Radiomachern ihre Unterstützung. Als sich einer mit der Idee einer Unterschriftensammlung an den Bundesrat meldete,
schaltete Schawinski blitzschnell. Wort für Wort diktierte er den Text der Petition «für ein freies Radio in der Schweiz»: «Wir fordern den Bundesrat auf, alle Aktionen gegen Radio 24 einzustellen.
Der Bundesrat soll insbesondere seine Druckversuche in Italien aufgeben und die angedrohte Klage bei der Internationalen Fernmeldeunion nicht einreichen. Besonders schockierend wäre es, wenn der
Bundesrat die PTT anweisen würde, Radio 24 zu stören.»
Was niemand für möglich gehalten hätte, wurde Realität: In nur fünf Tagen kamen 212’000 Unterschriften für das Anliegen der Radiopiraten zusammen. «Es ist unglaublich», triumphierte Schawinski, «bei
den Jugendlichen ist eine totale Radio-24-Hysterie ausgebrochen!»
Wie schwer es fiel, sich von diesem Phänomen nicht beeindrucken zu lassen, zeigte die verzweifelte Suche der Neuen Zürcher Zeitung nach einem Vergleich: «Aus bedeutend ehrbareren Motiven und Gefühlen
und in einer ganz anderen, rechtlich untadeligen Situation haben im Frühling 1972 die Freunde der traditionellen Reitertruppe in unserer Armee innert kürzester Zeit über 430’000 Unterschriften für
eine <Petition gegen die Abschaffung der Kavallerie> gesammelt.» Doch der letzte «Reiterkampf» sei umsonst gewesen, «die Truppe wurde umgerüstet.»
Doch anders als die berittenen Soldateska verkörperten die Wellenreiter ein zeitgemässes Lebensgefühl. Tausende reisten am 29. Dezember zur Übergabe der Unterschriften mit Sonderzügen nach Bern oder
waren inmitten eines Meeres von weissen Fähnchen – als Zeichen der Solidarität an den Antennen befestigt – auf der Autobahn N1 unterwegs. Der Bundesplatz war eine riesige Tanzfläche, und aus den
Lautsprechern dröhnte Polo Hofers eigens komponierter Radio-24-Reggae. Die Menge kreischte, als Schawinski auf die Laderampe des Lastwagens kletterte. «So etwas hat es in der Schweiz noch nie
gegeben», rief er völlig ausser sich, «so viele aufgestellte Leute!» Den Kampf um sein Radio bezeichnete er als «etwas Urdemokratisches». «Wir lassen uns von der Regierung nicht vorschreiben, was wir
hören wollen!»
Die Mobilisierung seiner Fans hielt Schawinski selbst für ein heikles Unterfangen; anfänglich habe er eine Verurteilung als «Rädelsführer» und «Volksverhetzer» befürchtet, falls die Massen ausser
Kontrolle gerieten. Doch eine Alternative gab es nicht. «Ich kam mir vor wie einer, der unter der Dusche zu singen beginnt – und plötzlich ist er Mick Jagger!»
Auch die Kommentatoren rieben sich die Augen. «Roger Schawinski zeigt einmal mehr seine demagogischen Talente», wetterte die Weltwoche. Der Tages Anzeiger registrierte eine «mild-heitere
Massenhysterie», «angemacht vom Rattenfänger Roger von Como auf MHZ 101,6». Mit Wortschöpfungen wie «Schlauwinski» (Aargauer Tagblatt), «Wellen-Messias» (Bündner Zeitung) oder «Informationscasanova»
(Solothurner Zeitung) versuchten die Zeitungen dem Unerklärlichen beizukommen. Wahrlich dunkle Wolken sah das Thurgauer Tagblatt aufziehen: «Drum Landvogt bleibe hart und banne die Gefahr, welche aus
dem Äther kommt.»
Kein Landvogt kreuzte am 4. Januar 1980 vor dem Radiostudio auf: Es waren Carabinieri. Tags darauf berichtete die sonst so zurückhaltende Neue Zürcher Zeitung aussergewöhnlich bildhaft über die
Geschehnisse: «Die letzte Stunde hielten die Radio-24-Macher im Stil einer Kriegsreportage ab. <Es ist dreieinhalb vor elf, Beamte treffen vor dem Studio ein.> Dann wieder Musik. <Es wird
geläutet, es sind Beamte und Polizisten.> Musik. <Ich weiss nicht, ob die Türe aufgebrochen wird, aber wir sind weiterhin über Telefon erreichbar.> (…) Um 12 Uhr 06 ziehen die Beamten wieder
ab. Der Sender vermittelt die Rede, die Schawinski vor dem Gebäude an die wartenden Anhänger gehalten hat: <Was wir hier haben, ist etwas vom Eindrücklichsten, was man je in der Schweiz und in
Italien gesehen hat. Es ist einer der aufregendsten Momente, die ich je erlebt habe.> Und weiter fährt der Sender mit seiner Popmusik, zwischendurch werden einzelne hergereiste Anhänger befragt,
wie sie, die doch <alles miterlebt> hätten, dächten, wie es nun weiterginge…»
Am 22. Januar, ab 14 Uhr 53, war nur noch ein Rauschen zu hören auf 101,6 Megahertz: Die Carabinieri hatten in einer Blitzaktion die Stromleitungen gekappt. Drei Tage später entschied Schawinski, den
amtlich versiegelten Sender widerrechtlich wieder in Betrieb zu nehmen und zu einer Protestkundgebung in Zürich aufzurufen. Über 5000 Fans strömten am 26. Januar auf den Bürkliplatz und skandierten
minutenlang «Roschee, Roschee, Roschee!»
So viel hemmungsloser Starkult stiess dem Korrespondenten der Bündner Zeitung sauer auf: «Etwas Pionier mag Herr Doktor Schawinski schon sein, doch vorwiegend in eigener Sache», frotzelte er.
«Schawinski hörte das Werbegeld in seiner Kasse klimpern, und so liess er sich widerlicherweise von einigen Hundertschaften begeisterungsfähiger Fünfzehnjähriger unter <Ro–ger–Ro–ger>-Rufen auf
öffentlichen Plätzen zum Heiligen und Pop-Super-Papst emporhieven.»
Eine weitere Gelegenheit zum Auftrumpfen bot sich anfangs November. Die Crew war gerade beim Spaghettiessen, als die heisse News hereinkam: Terroristen hatten die amerikanische Botschaft in Teheran
gestürmt und forderten für die Freilassung ihrer siebzig Geiseln die Auslieferung des iranischen Ex-Schahs Mohammed Resa Pahlewi.
«Wir rufen doch einfach an und interviewen einen Besetzer», bemerkte Schawinski mit vollem Mund. Während die anderen noch über seinen Scherz lachten, liess er sich bei der internationalen
Telefonauskunft die Nummer geben und wählte durch. Prompt nahm einer der persischen Kidnapper den Hörer ab. «We can not give you interview», stotterte er aufgeregt. Radio 24 sendete alles live.
Schawinski liess nichts unversucht, um Radio DRS zu überbieten. Mit Telefonspielchen, Wettbewerben und Wunschkonzerten hielt Radio 24 Kontakt mit dem Publikum; besonders anhängliche Bewunderer
kreuzten am Samstagabend während der Hörersendung Phone-in mit Wein und Kuchen im Studio auf. Um so tragischer erschien vielen der drohende Verlust, als nach dem letzten abgewiesenen Rekurs das
endgültige Aus bevorstand.
In die Enge getrieben, spielte Schawinski seinen letzten Trumpf: In einem dramatischen Appell forderte er seine Hörerinnen und Hörer auf, zur Talstation nach Madesimo zu reisen, um den Sender zu
verteidigen. Tausende Fans zogen unter dem volkstümlichen Motto «Aktion Groppi» ins letzte Gefecht.
Zunächst verhinderte ein Unwetter auf dem Gipfel die Stillegung, und ein Radio-24-Desperado schrieb ein Gedicht:
Am Groppera blaast de Wind,
Drum mir au rächt glückli sind.
Windet’s nümme – das wär tumm –,
Isch’s Radio 24 sofort schtumm.
Doch d’Schawinski-Fans, die schalted scho
Und reised nach Madesimo.
Wenn deet rächt vill Schwyzer s’Muul uufryssed,
d’Carabinieri fascht i d’Hose schyssed.
Eine Woche später, am 25. November 1980, rückten rund dreissig Grenadiere in Kampfausrüstung und mit Schlagstöcken und Maschinenpistolen bewaffnet an.
Während es jetzt für die Radio-24-Mitarbeiter nur noch darum ging, angesichts der gewaltbereiten Übermacht die Fans an jeglichem Widerstand zu hindern und Ausschreitungen zu verhüten, sass Schawinski
bis zuletzt am Mikrophon und erklärte, mit welchen Tricks Armin Walpen die italienischen Behörden gegen seinen Sender aufgehetzt habe.
«Darüber haben wir bereits seit dem letzten Herbst und Winter informiert, und zwar aufgrund von Gesprächen in Rom», verkündete er um 13 Uhr 17, «und jetzt haben wir es auch noch dokument…»
Mitten im Satz wurde Schawinski abgeklemmt, und in den Ohren seiner Bewunderer klang es, als hätten die Scharfrichter von Radio 24 soeben ihren Freiheitskämpfer guillotiniert.
Die Anteilnahme war grenzenlos. «Auf allen Wandtafeln unserer Schule haben wir heute <Radio 24 forever!> draufgeschrieben», übermittelte per Telex eine Schulklasse aus Wohlen, «wir glauben auch
alle daran, dass noch nicht die letzte Stunde für unser Radio geschlagen hat. Gott mit euch!»
Auch Bundesrat Leon Schlumpf wurde in den kommenden Tagen mit Tausenden Briefen und Telegrammen eingedeckt. «Können Sie der durchlittenen, echten Trauer nachfühlen, die tatsächlich fliessenden Tränen
überhaupt verstehen? Ahnen Sie etwas von jener Wut, jenen Aggressionen, jenen Gefühlen absoluter Ohnmacht, die sich hierzulande bei jung und alt bilden? Können Sie den Schaden ermessen, den das
Ansehen unseres Staates bereits erlitten hat?» hiess es in einem Schreiben. «Tun Sie, Herr Bundesrat, bitte etwas Tapferes, möglichst unverzüglich!»
Schawinski online

