Ein junger Mann beschliesst, das beste aus seinem polnischen Namen zu machen
Der verblüffende Egotrip des abgestempelten Panzersoldaten
Frühling 1963:
«Wie heissen Sie?» fragte der Tessiner Oberst bei der Aushebung im Zürcher Sihlhölzli.
«Roger Schawinski.»
«Schawinski? Was für ein Name ist das?»
«Ursprünglich ein polnischer Name, aber ich wurde in der Schweiz geboren.»
«Ah, ich erinnere mich», legte der Alte mit leuchtenden Augen los. «Tapfere polnische Kavallerie! Angetreten in Zweitem Weltkrieg gegen deutsche Panzer! Sie werden grossartiger Panzersoldat!»
Bevor er einen einzigen Ton sagen konnte, knallte der Stempel ins Dienstbüchlein auf dem Holztisch. Schawinski senkte seinen Blick – er fühlte sich abgestempelt.
«Nein, ich habe mich wirklich nie als Pole gefühlt», sagt er im Garten seiner Villa am Zürichberg. Seit seiner Kindheit verfolge ihn das Gefühl, er sei mit einem falschen Namen auf die Welt gekommen.
Also schickte Schawinski, kaum volljährig, einen Brief an die Zürcher Stadtverwaltung: «Da ich keinen besonderen Wert auf meine polnischen Wurzeln lege, beantrage ich hiermit eine Änderung meines
Familiennamens.» Statt Schawinski wolle er in Zukunft Schawin heissen.
Doch niemand hatte Verständnis für sein Anliegen; also schwor sich Roger Schawinski, das beste aus seinem Namen zu machen.
*
Wie immer, wenn ihn etwas stark beschäftigte, holte er auch im November 1963 seine über alles geliebte Hermes Baby hervor. So griff der Schüler, noch im Taumel seiner Emotionen, wenige Stunden nach
dem Attentat auf den amerikanischen Präsidenten, in die Tasten: «Präsident John F. Kennedy ist tot! Eben habe ich diese Nachricht erhalten. Ich stehe da, mit offenem Mund. Er ist tot. Nochmals,
eindringlicher, schleudert meine Schwester mir diesen Satz ins Gesicht. Ich kann es einfach nicht glauben. Ich versuche im Buch weiterzulesen, das ich vor mir habe, doch die Buchstaben verschwimmen
vor meinem Auge. Nur mit Mühe kann ich sie noch entziffern, aber ich kann ihren Sinn nicht mehr aufnehmen. Die einzelnen Buchstaben formen auf einmal keine Worte, keine Sätze mehr. Sie stehen einfach
da, ein Buchstaben nach dem anderen. So geht das fünf Minuten. Ich lege das Buch zur Seite. Langsam begreife ich die Bedeutung des Satzes: Kennedy ist tot.»
Am Transistorradio hörte Schawinski, Kennedy sei im offenen Wagen durch Dallas gefahren, als ihn plötzlich drei Schüsse aus dem fünften Stock eines Hochhauses trafen, einer davon in den Kopf. «Wer
mag es wohl gewesen sein?» tippte er weiter. «Ich bete zu Gott, was ich sehr selten tue, dass es weder ein Neger noch ein Jude gewesen ist. Für beide Volksrassen wären die Konsequenzen katastrophal.
Der Negerhass oder der Antisemitismus würden Blüten treiben, wie ihn kein normaler Mensch, sondern nur die Archive der Naziverbrechen ausdenken könnten. Was würde geschehen, wenn es ein Russe sein
würde? Ich brauche den Gedanken, der mich jetzt berührt, gar nicht auszusprechen, jedermann weiss, was uns dann blühen könnte.»
Später an diesem Abend – soeben wurde als Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson bekanntgegeben – sorgte sich der 18jährige an der Birmensdorferstrasse 65 bereits über die politischen Konsequenzen der
Bluttat: «Er wird es schwer haben, der gute Johnson. Sehr viel von seiner politischen Karriere wird von der Haltung der Russen abhängen. Werden sie weiter auf der weichen Welle schaukeln, oder werden
sie Morgenluft wittern und ihm das Leben so sauer wie möglich machen? Zuerst muss er die festgefahrene Allianz für den Fortschritt in Südamerika wieder flott machen. Auch das Kuba-Problem harrt einer
endgültigen Erledigung. Während er sich mit einem störrischen Charles De Gaulle in Europa wird herumschlagen müssen, wird ihm sicher der schwarze Kontinent noch viel Mühe bereiten. Auf jeden Fall
wünsche ich ihm viel Glück für seine wahrscheinlich kurze Amtsdauer. Ich hoffe, dass seine Handlungen noch vom Geist seines Vorgängers bestimmt sein werden, der heute Abend gestorben ist.»
Gegen Mitternacht wurde es Zeit, zum Schluss überzuleiten: «Es ist unterdessen spät geworden. Vor vier Stunden fuhr Kennedy mit einem Wagen neben seiner Frau noch durch die Strassen von Dallas. Jetzt
sitzt sie irgendwo neben seinem Sarg und wird sicher genau das gleiche empfinden wie jede Frau, deren Mann ermordet wurde. Ich möchte mein tiefstes Beileid Frau Jacky Kennedy und allen, allen Frauen
auf der ganzen Welt aussprechen, die um ihre Männer weinen. Vom heutigen Tage an werde ich mich noch viel mehr gegen jeden Mord auflehnen und entsetzen, denn ein Menschenleben ist das Kostbarste, was
wir besitzen und es zu zerstören ist Sünde. Das tönt jetzt sehr nach Bibel und Religionsschule. Ich hoffe aber, dass mich jedermann gut versteht und mir nicht falsche Sentimentalität vorwirft.»
*
Ein Jahr später, 1964, nahm Schawinski bei der Schlussfeier in der Aula der Handelsschule Freudenberg sein Diplom entgegen. Jetzt nur nicht auf eine Bank oder zu einer Versicherung, schwor er sich im
selben Augenblick.
Magisch zog es ihn in die Werbebranche. «Dorthin gingen alle glatten Typen, die etwas Kreatives machen wollten», begründet er. Bei Wiener & Deville absolvierte er ein Praktikum, und weil er schon
immer möglichst hoch hinaus wollte, belegte er nebenbei einen Assistentenkurs am Emil-Oesch-Institut. Als jedoch die Agentur eine Kampagne für filterlose Primera-Zigaretten startete, die jungen
Leuten eine revolutionäre Che-Guevara-Attitüde vorgaukelte, rieb er sich die Augen. «Wo bin ich bloss gelandet», fragte er sich, «will ich wirklich, dass noch mehr Jugendliche rauchen?»
Als er zu guter Letzt herausfand, dass die Taxispesen seines Chefs seinen Praktikantenlohn von monatlich 500 Franken weit überstiegen, hatte er die Nase voll. «Er hat sich auch auf dem Gebiete der
Werbetexte mit einigem Erfolg versucht», heisst es im Arbeitszeugnis von Max Wiener, «im Gesamten zweifeln wir nicht daran, dass Herr Schawinsky zu einem sehr guten Werbefachmann werden wird.»
Schawinskis erste grosse Liebe hiess: Debora! «Sie war wunderschön, konnte gut singen – und später wurde sie Professorin für Linguistik», fasst er zusammen. Und im Gegensatz zum ziellosen Roger – der
zwischenzeitlich bei der BP als «Merchandising Consultant» jobbte («Das klang zwar toll, aber ich weiss bis heute nicht, was es bedeutet» –, wusste die um zwei Jahre jüngere Gymnasiastin ganz genau,
was sie wollte: «Im Herbst bringe ich die Matura hinter mich», sagte sie energisch.
«Wenn Du das kannst, schaffe ich es auch», neckte sie Roger wie zum Spass. Am nächsten Tag forderte er bei der Akademikergemeinschaft en bloc sämtliche Kursunterlagen an, um im Fernstudium die
Hochschulreife zu erlangen – er habe sich nämlich vorgenommen, im Oktober die Aufnahmeprüfung an die Hochschule St. Gallen zu absolvieren.
Die Reaktion war ernüchternd: «Wir müssen Ihnen offen sagen, dass dies keine seriöse Vorbereitung auf eine solche Prüfung ist», hiess es im Antwortbrief, jegliche Erfolgsgarantie werde strikt
abgelehnt.
Durch den Widerstand zusätzlich angestachelt, pinnte er in seinem Zimmer einen Terminplan an die Wand, auf dem abzulesen war, wie er den auf drei Jahre ausgelegten Stoff auf vier Monate zu
komprimieren gedachte. Dann büffelte er jeden Tag von morgens um elf bis weit nach Mitternacht. Wenigstens nimmt er keine Drogen, dachte die Eltern, die um so verblüffter waren, als dass sich ihr
Roger in der Schule nie durch besonderen Fleiss ausgezeichnet hatte. Damit er wenigsten nicht verhungere auf seinem Trip, brachte ihm die Mutter regelmässig feste Nahrung herein.
Bald verfärbten sich die Blätter an den Bäumen, und nach der dreitägigen Prüfung trabte Kandidat Schawinski am 15. Oktober 1966 zur Urteilsverkündigung in St. Gallen an. Professor Georg Thürer
blickte ihm tief in die Augen.
«So, was haben sie für ein Gefühl?» fragte er – seltsam zögernd. Schawinski zuckte hilflos mit den Schultern. Nach einer Pause rückte es Thürer endlich heraus: «Sie haben die beste Matura von allen
geschafft!»
Das war zuviel. Die Tränen liefen ihm in Strömen herunter, und als die Eltern ihren Jungen hemmungslos schluchzend antrafen, befürchteten sie bereits das Schlimmste.
«Wie ist es gelaufen», erkundigten sich sein Vater vorsichtig.
«Ich – ich…» Überwältigt von seinen Gefühlen blieben ihm die Worte ihm im Hals stecken.
Doch kaum zu Hause, setzte er sich hinter die Schreibmaschine, um den «sehr geehrten Damen und Herren» von der Akademikergemeinschaft umgehend sein Glanzresultat mitzuteilen. Und selbstverständlich
liess er es sich nehmen, bei Gelegenheit noch einmal auf den Einschüchterungsversuch zurückzukommen – von wegen «keine seriöse Vorbereitung»!
«Um ehrlich zu sein, traf mich jener Brief ziemlich tief», schrieb also Roger Schawinski im Siegestaumel, «mein so sorgsam aufgebauter Optimismus erhielt durch ihn einen kräftigen Stoss, und schon
dachte ich ans Aufgeben.» Aus diesem Grund bitte er, in Zukunft «nicht immer mit so grossem Geschütz aufzufahren» wie in seinem Fall. Denn: «Sicher nehmen sich viele Grosses vor, eine Minderheit
erreicht schliesslich ihr Ziel.»
Wer wollte diesem Roger Schawinski verübeln, dass er nun glaubte: «Ich kann auf dieser Welt alles erreichen, wenn ich es wirklich will!»
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