Warum die Schwägerin des Financiers nach über zehn Jahren vom Karussell fliegt

Kampfgenossin Ina und das vergiftete Familienglück

Wir treffen uns im Hotel Atlantic. Dort sei es hell und vor allem sehr ruhig, meinte Ina Guiton – die Schwägerin von Bernd Grohe – am Telefon. Seit ihrer Scheidung von Roger Schawinski vor knapp zehn Jahren lebt sie wieder im süddeutschen Baden-Baden, wo sie ihre Kindheit verbrachte.
Die Aussicht ist prächtig an diesem sonnigen Tag: Vor dem Fenster fliesst die Oos, man sieht hinauf zum Casino und zum Kurhaus aus dem 17. Jahrhundert. «Morgen kommt Nelson Mandela auf Besuch, letztes Jahr hat uns Boris Jelzin zugewinkt, und übermorgen kommt Roger Schawinski vorbei», schmunzelt die gepflegte Frau mit den schulterlangen Haaren. Hier sei man eben im Zentrum des Weltgeschehens.
Die Kellnerin bringt einen Tee. Wie alles anfing? Mit einem Anruf ihres Schwagers: «Komm, schau Dir das doch einmal an», habe Bernd Grohe im Oktober 1979 zu ihr gesagt, er sei bei einem Radio eingestiegen, das von Italien aus nach Zürich senden wolle.
«Wenn das nur gut geht», seufzte Ina. Zusammen mit Grohes Frau und der 14jährigen Tochter besichtigten sie das Radiostudio, eingerichtet in der hintersten Wohnung einer trostlosen Reihenhaussiedlung im italienischen Cernobbio bei Como, und anschliessend das tonnenschwere Antennenmonstrum auf dem Pizzo Groppera. Von hier aus wollte also dieser Schawinski mit seinen Radiowellen über die Bündner Alpen in die etwa 120 Kilometer entfernte Region Zürich einstrahlen? Ina war beeindruckt von der Kühnheit dieses schnauzbärtigen, immer unter Strom stehenden Journalisten.
Wie schnell der Mann zur Sache kam, merkte sie auf dem Rückweg über den San Bernardino. Er müsse in den nächsten Tagen noch einmal nach Italien, um eine neue Küche für das Radiostudio auszusuchen, fing er an. Leider habe er überhaupt kein Flair für Inneneinrichtungen, ob sie ihn nicht vielleicht begleiten wolle?
Ina hatte nichts dagegen – und von diesem Moment an geriet sie in den Strudel der Ereignisse. «Es herrschte ein unglaublicher Pioniergeist, der mich sofort gefangennahm», sagt sie. Nicht zuletzt habe es Schawinski auf ihre beruflichen Fähigkeiten abgesehen gehabt: Ina war Regieassistentin, und er brauchte dringend jemanden, um für das erste kommerzielle Radio die Werbespots zu produzieren.
Zusammen mit Roger schmiss sie in Zürich den Laden, suchte Moderatorinnen und Moderatoren, vertonte Slogans, produzierte Sendungen – und wenn sie am Wochenende völlig übermüdet mit dem Auto nach Como ins Sendestudio fuhren, wechselten sie sich am Steuer ab, um nicht einzuschlafen. Niemand wunderte sich, dass sie bald ein Liebespaar waren.
Während des Kampfs um Radio 24 verflogen die Monate wie im Zeitraffer: Sie begleitete ihren Roger auf dem «Marsch auf Bern» und deponierte vor dem Bundeshaus 212’000 Unterschriften «für ein freies Radio in der Schweiz», sie stand an seiner Seite bei der Demo auf dem Zürcher Bürkliplatz, als 5000 Fans «Roschee! Roschee!» schrieen, und sie war eine der beiden Mutigen, die auf dem Pizzo Groppera unter grossem Risiko die amtlichen Siegel brachen, um den stillgelegten Sender wieder in Betrieb zu setzen. «Ich habe nie überlegt, was nachher kommt», sagt Ina, «zum Nachdenken blieb damals keine Zeit.»
Das Erwachen kam Mitte April 1981, kurz vor der Geburt ihres Sohnes Kevin. Unvermittelt sah sich die Radiopiratin in einer neuen Rolle: als Mutter. So lange wie möglich versuchte sie im Geschäft mitzuhalten, doch spätestens zwei Jahre später, als Tochter Joelle dazukam, sehnte sie sich nach einem geregelten Alltag.
Nur Roger dachte nicht im Traum daran, sich auf dem gemeinsam Erreichten auszuruhen. Lokalradio-Werbepool, Engagement beim Berner Radio Förderband, Lancierung von Bonus 24, Züri-Vision-Fernsehversuche, Stella-Film, die Äthiopien-Hilfsaktion – kein Tag mit ihm verging ohne das Streben nach noch mehr Ruhm und Anerkennung.
«Kaum putzte ich am Morgen die Zähne, stand er schon hinter mir und las mir den neusten SRG-Verriss vor», sagt Ina. Diese Hyperaktivität habe auf die Dauer nur noch genervt.
Nebenbei, als hätten sie nicht schon genügend am Hals, erfüllten sie sich den Traum vom Eigenheim. Nichts Durchschnittliches sollte es werden, sondern ein «künstlerisch wertvolles Bauwerk» aus ausgesuchten, natürlichen Materialien. Sie ersteigerten sich ein Grundstück in einer Waldlichtung, und Ina investierte alle Energie und Kreativität in das künftige Haus, das zum Mittelpunkt ihres glücklichen Familienlebens werden sollte. Den grobbehauenen ockergelben Kalkstein für die Fassade entdeckte sie in Südfrankreich, und für die Kacheln im Badezimmer blätterte sie stapelweise Kataloge durch. Nach langem Hin und Her auf der Baustelle kam es am 17. Dezember 1984 zur langersehnten Schlüsselübergabe – es war ein Schlüsselerlebnis im doppelten Sinn.
Der säuerlich-beissende Geruch in der Wohnung stach Ina sofort in die Nase. Bald wagte sie sich nur noch mit Sonnenbrille aus dem Haus, um die geschwollenen Augen zu verbergen. Anfang Februar klagte sie über schwere Beine, Schmerzen im Brustkorb und entzündete Atemwege. Auch die Kinder blieben nicht verschont: Joelle litt unter Rücken- und Nasenschmerzen und weinte stundenlang, Kevin begann nervös mit der Zunge zu schnalzen. Inas erster Verdacht: «Giftige Substanzen im Holzschutzmittel machten uns alle krank.»
Nach drei Monaten und vielen schlaflosen Nächten beschloss die verzweifelte Mutter, mit Ihren Kindern in den einzigen Raum ohne Holz und Spannteppich zu flüchten: nämlich ins Büro. Genervt verkündete Roger, der wenig zuhause war und keinerlei Symptome zeigte, er werde sich an dieser Panikmache nicht beteiligen, seiner Meinung nach sei dies ja wohl das Ende eines normalen Familienlebens. In einer gemeinsamen Ferienreise sah er die letzte Hoffnung, Ina von ihrer «fixen Idee» abzubringen. Tatsächlich kehrten sie nach drei erholsamen Wochen am Strand zufrieden zurück.
Doch verfrüht war die Hoffnung auf ein Ende des Schreckens. Nachdem Ina beim Bürsten büschelweise Haare ausfielen, stellte sie ein Ultimatum: «Wenn sich unsere Gesundheit bis zum Wochenende nicht bessert, ziehen wir aus.» Als sie am Sonntag die Koffer packte, holte Roger demonstrativ seine Joggingschuhe hervor.
Doch Ina meinte es ernst: Mit Kevin und Joelle auf dem Rücksitz fuhr sie planlos in Richtung Innerschweiz, wo sie bessere Luft vermutete. In einem Hotel in Weggis buchte sie ein Zimmer. Gegen den Abend traf auch Roger Schawinski am Vierwaldstättersee ein.
Wie jeden Sonntagmorgen präsentierte Roger Schawinski – neuerdings Berufspendler ohne festen Wohnsitz – am 19. Mai 1985 seine Karibikstunde auf Radio 24. Noch nie war es ihm so schwer gefallen, die programmlich verordnete Aufgestelltheit herüberzubringen. Zu schaffen machte ihm in letzter Zeit ein unangenehmes Kratzen im Hals, zudem traten am Mikrophon mitten im Satz gut hörbare Schluckgeräusche auf. Auch litt er immer häufiger unter Migräneanfälle und Rückenschmerzen.
Ein Arzt diagnostizierte bei Ina Blutwerte, die er bisher nur bei Leukämiekranken gefunden habe. «Ist es möglicherweise Aids», fragte Schawinski geschockt. Als der Doktor verneinte, blieb nur noch eine Erklärung: Wohngifte im Neubau legten Inas psychische und physische Widerstandskraft lahm.
Als sich die Misere nicht mehr verdrängen liess, beschloss Schawinski, alles zum Thema zu recherchieren und ein Buch darüber zu schreiben. «Dass ein kleines, kaum erfassbares äusseres Ereignis das Leben eines Menschen oder einer Familie zerstören kann, dringt wohl erst dann ins Bewusstsein von uns positiven Leistungsträgern, wenn wir selbst zu Opfern geworden sind», philosophierte er in der Einleitung von «Vergiftet! Wie wir uns ein Haus bauten, das uns krank machte»).
Von nun an lebten die Schawinskis wie Nomaden. Nach einer Woche im Hotel mieteten sie eine Ferienwohnung, dann zogen sie nach Aesch in die leerstehende Wohnung eines Freundes. Während Ina ihr Heil bei einem chinesischen Akupunkteur suchte, liess Roger Schawinski das Haus von einem Rutengänger abschreiten. «Haben Sie Feinde oder Neider?» wollte dieser plötzlich wissen. Wenn nämlich sein Pendel an dieser bestimmten Stelle ausschlage, seien zweifellos Missgunst und Hass der Grund für die Störung.
Ein neues Zuhause war die letzte Hoffnung für die vom Schicksal gebeutelte Viererbande. Die Wahl fiel auf das herrschaftliche Anwesen eines persischen Teppichhändlers mit Hallenbad, viel Marmor und noch viel mehr Umschwung. Niemand zweifelte am privaten Wohlergehen des erfolgreichen Medienunternehmers mit seiner blonden Ehefrau und den beiden hübschen Kindern, die sich in diesem Beverly Hills über dem Zürichsee den Traum aller Aufsteiger erfüllt hatten.
Vergiftet war aber längst auch das Familienglück.

*

Die Kellnerin bringt noch einen Tee. «Es war ein Leben auf dem Karussell, und eines Tages bin ich heruntergeflogen», sagt Ina nach einer langen Pause.
Der schlimmste Tag in ihrem Leben sei der 9. November 1989 gewesen, als sie das Scheidungsbegehren von Rogers Anwalt im Briefkasten gefunden habe. Mit 39 Jahren und zwei Kindern habe er sie sitzengelassen. «Als nach 11 Jahren alles am Boden lag, fühlte ich mich ausgepresst wie eine Zitrone.»
Im April 1990 zog mit den beiden Kindern nach Baden-Baden. «Ich habe mich und die Kinder in Sicherheit gebracht», sagt sie, «es handelte sich um eine reine Schutzmassnahme.» Um jeden Preis habe sie verhindern wollen, dass Kevin und Joelle immer wieder auf dem Titelbild der Schweizer Illustrierten erscheinen. «Und ich selbst wollte nicht mein restliches Leben lang die arme, zurückgelassene Frau Schawinski sein.»
Naiv sei sie gewesen, räumt sie ein, sie habe keine Ahnung gehabt, was es bedeutet, «einen Mann aus einem anderen Kulturkreis zu heiraten». Während der Ehekrise habe sich Roger heimlich mit seiner Jugendfreundin Rachel getroffen, «mit der er schon früher verheiratet werden sollte.»
Ausserdem habe sie den Eindruck gehabt, von Rogers Mutter Marcelle nie akzeptiert zu werden. «Wenn wir im Auto unterwegs waren, setzte sie sich vorne neben Roger, und ich musste hinten einsteigen.» Ina ist überzeugt, dass die Mutter viel für das Selbstwertgefühl ihres Sohnes getan hat: «Für sie war er immer die absolute Nummer eins.»
Auf einmal tritt ein Mädchen mit langen dunkelblonden Haaren und hellbraunen Augen an den Tisch: die 16jährige Joelle. Zusammen mit ihrer Freundin, Tochter eines Rechtsanwalts, holt sie Eintrittskarten fürs Kino ab.
Vor allem um die beiden Kinder habe sich ihr Leben seit der Scheidung gedreht, sagt Ina. «Ich habe sie durchgefightet!» Und ganz gut seien sie gelungen: «Kevin studiert Naturwissenschaften in Cambridge, Joelle will Medizinerin werden.» Beide gingen regelmässig auf Segeltörns in der Nordsee und spielten super Tennis, Joelle seit sieben Jahren Klavier.
«Sie haben es schön gehabt», sagt Ina, «niemals hätte ich ihnen diese Ruhe in der Schweiz bieten können.»