Nach all den negativen Gerüchten um Tele 24 holt Schawinski zum Gegenschlag aus
Small-talk in der Badehose und ein gefüllter Benzintank fürs nächste Jahrtausend
Am Morgen des 10. Juni 1999, einen Tag vor seinem 54. Geburtstag und am Tag des Bombenstopps im Kosovo, ruft Schawinski an: «Sie müssen unbedingt um elf Uhr an die Pressekonferenz bei der Credit
Suisse kommen!» sagt er aufgedreht. Was dort abgehe, könne für das Buch recht interessant sein.
Perfekt, denke ich, mein letztes Kapitel!
Beim Eingang gibt es eine Mappe: «Credit Suisse First Boston Private Equity erwirbt 40-Prozent-Beteiligung an Belcom Holding AG.»
Die Pressekonferenz ist bereits im Gang. Schawinski sitzt in der Mitte, links und rechts von ihm zwei Banker. «Wenn ich in der Champions League des Mediengeschäfts mitspielen will, kann ich nicht wie
bisher alles aus meinem eigenen Kässeli bezahlen», erklärt er. Er sei total happy, denn jetzt könne er «mit gefülltem Benzintank ins nächste Jahrtausend» fahren und zuschlagen, wann immer eine neue
Entwicklung auf ihn zukomme.
Neugierige Journalisten stellen Fragen. Zum Beispiel diese: «Wie fühlt man sich im Schoss der Gnomen von Zürich?» Er habe doch damals bei der Tat den Chiasso-Skandal aufgedeckt.
«In 22 Jahren verjährt alles, sogar ein Mord», antwortet Schawinski und zwinkert seinem Schwiegervater Rudolf F. Sontheim zu, seinerzeit im SKA-Verwaltungsrat.
«Jetzt wird Ihnen der Kaviar an der Bahnhofstrasse mit dem Suppenlöffel serviert. Was ist das für ein Gefühl?»
«Die Frage ist, ob ich ihn esse.»
«Als Sie auf dem Pizzo Groppera die Radioantenne schüttelten, hätten Sie sich träumen lassen, dass Sie einmal einen Deal mit einer Grossbank abschliessen?»
«Nein.»
Schwieriger ist es, eine Antwort auf die Frage nach der Summe zu bekommen. «Liegt sie zwischen 10 und 100 Millionen Schweizer Franken?»
«Ja. Aber mehr verrate ich nicht.»
«Was kaufen Sie sich als erstes von diesem Geld?»
«Ein Powerbook.»
*
Später, im Garten seiner Villa, berichtet Schawinski von seiner Bewusstseinveränderung seit dem Start von Tele 24 am 5. Oktober 1998. Zuerst wollte er wie immer mit dem Kopf durch die Wand. Doch
Gabriella habe beharrlich auf ihn eingeredet: Ob er eigentlich wahnsinnig sei, auf eigene Faust ein Schweizer Fernsehen durchziehen zu wollen! Ringier wage es nicht, der Tages Anzeiger nur mit einem
amerikanischen Partner, und die hätten beide viel mehr Geld als er.
Als im Frühling eine amerikanische Investorengruppe Interesse an seinen Firmen zeigte, sagte er – zu seinem eigenen Erstaunen – nicht nein und stellte ein vertrauliches Dossier mit allen Kennzahlen
zusammen.
Am 20. Mai traf er sich im Restaurant Savoy mit Credit-Suisse-Direktor Lukas Mühlemann. Die Atmosphäre war sehr locker, schliesslich waren sich die beiden zufällig in den letzten Sommerferien auf
Sardinien begegnet, und beim Small-talk am Strand hatte Mühlemann in der Badehose scherzhaft eine Job-Rotation vorgeschlagen. Doch jetzt, korrekt gekleidet beim Business-Lunch am Paradeplatz, ging es
um das geplante Sponsoring bei der neuen Wirtschaftssendung Money.
Beim Kaffee erwähnte Schawinski, dass am Nachmittag um 15 Uhr zwei Amerikaner vorbeikämen, um ihre Offerte für eine Beteiligung an seinen Firmen zu präsentieren. Ihm drohe die Sache mit dem Fernsehen
nämlich über den Kopf zu wachsen, er brauche dringend Support.
«Warum machen Sie es nicht mit uns?» sagte Mühlemann spontan, «ich werde mich persönlich dafür einsetzen.»
Am Dienstag nach Pfingsten übergab Schawinski seine Unterlagen. Am Donnerstag trabte er zur Konferentschaltung mit Boston, London und New York an und stellte sich einem gnadenlosen Kreuzverhör. Am
Freitag flog Credit-Suisse-First-Boston-Chef David A. DeNunzio in die Schweiz – und anfangs Juni war der Deal perfekt.
Es war höchste Zeit für den spektakulären Befreiungsschlag. «Alle haben gedacht, ich bin kurz vor dem Ende, jeden Moment lüpft’s den armen Roger.» Bewusst seien Gerüchte über den schlechten
Geschäftsgang gestreut worden, vor allem aus den Chefetagen der SRG und des Tages Anzeigers; das habe immer stärker auf die Stimmung seiner Mitarbeiter gedrückt. Nicht einmal sein Privatleben sei
verschont geblieben: So weit sei es gegangen, dass sich besorgte Freunde bei ihm erkundigten, ob es tatsächlich ernsthafte Probleme zwischen ihm und Gabriella gebe. «Um ein Haar hätte die bösartige
Negativpropaganda Wirkung gezeigt», gesteht er.
Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet. «Dieses Bild – der absolute Topbanker und ich, der Medienpionier –, das hat sie alle umgehauen!» Gerade gestern sei ihm zugetragen worden: Fernsehdirektor
Peter Schellenberg und seine Entourage hätten sich in der Kantine geschlagene anderthalb Stunden über nichts anderes als über ihn unterhalten! «Mein Coup beschäftigt sie wahnsinnig», freut er sich,
«das gönne ich ihnen von Herzen.»
Eine tiefe Befriedigung erfülle ihn, sagt Schawinski und erhebt sich aus seinem Rattansessel. «Ich fühle mich wie ein Jet, der durch alle Wolken hindurch aufgestiegen ist», vergleicht er. «Jetzt habe
ich endlich meine Flughöhe erreicht und kann mit viel weniger Kraftaufwand wunderbar cruisen.»
Er breitet seine Arme aus und rennt ein paar Schritte über den Rasen.
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