Trotz allem: Ein ehemaliger Schulkollege lässt sich von Schawinskis Erfolgen nicht beeindrucken
«Bitte verschwinden Sie doch endlich, ich zahle Ihnen ein Bier an der Bar!»
Kein Zweifel, auch Werner Wagemann hat es geschafft! Seine Haare sind zwar etwas schütterer als jene von Schawinski, doch die steile Karriere hat ihn bis in die Chefetage einer Privatbank geführt.
Ausserdem wohnt er in einer Villa im steuerprivilegierten Herrliberg an der Zürcher Goldküste. Wägeli, so nannten ihn die Mitschüler, holt sein Fotoalbum hervor.
Bestens dokumentiert von seiner Retina 125 ist die Velotour, von Wägeli im Frühling 1959 organisiert. «Roger wollte unbedingt mitkommen», erinnert er sich. Zu viert waren die knapp 14jährigen eine
Woche lang von Zürich über Luzern nach Brunnen unterwegs. Michel, Alfredo und Roger posieren mit Wägeli vor dem Löwendenkmal, auf der Axenstrasse und bei der Tellskapelle. Der rotbäckige Bursche mit
dem Draufgängerblick war unumstrittener Anführer der «Gruppe Wagemann». Nicht zufällig war er im Frühling stets der erste, der kurze Hosen trug, und als einziger hatte er am Velolenker einen Tacho
mit Kilometerzähler montiert. Das nötige Geld hatte sich der Sohn eines Handlangers als Ausläufer beim Quartierbäcker zusammengespart.
Schawi und Wägeli: Im Feldschulhaus, mitten im Zürcher Kreis 4, waren sie erbitterte Rivalen. Während Wägeli in Geographie und Mathematik auftrumpfte, brillierte Roger in den sprachlichen Fächern. An
der Kletterstange war der kleingewachsene Wägeli mit Abstand der Schnellste («Roger schaffte es nur mit letzter Kraft bis ganz nach oben»), und beim Handball stand er im Tor und beobachtete
kopfschüttelnd, wie Kreisläufer Schawinski hin- und herspurtete, «total nervös, die Zunge fast am Boden und wegen jeder Kleinigkeit fluchend.»
Nach Schulschluss war Wagemann nicht mehr zu bremsen: Bereits während seiner Banklehre beförderte man ihn zum Buchhaltungschef. Mit 20 erhielt er die Handlungsvollmacht, mit 23 die Prokura, mit 26
rückte er zum Vizedirektor auf, mit 29 zum stellvertretenden Direktor. Nach 25 Jahren wechselte er erstmals die Stelle – und war Bankdirektor. Ebenfalls am Arbeitsplatz lernte er seine Frau kennen,
mit der er heute zwei erwachsene Söhne hat.
In all den Jahren Jahren seines rasanten Aufstiegs hörte er nichts von Roger Schawinski. Nur einmal habe er vernommen, er sei aus dem Gymi geflogen und später überstürzt nach Südamerika
verreist.
Doch eines Tages rief ihn Michel Previtali an, ein alter Schulfreund. Er müsse unbedingt am nächsten Montag im Fernsehen den Kassensturz schauen. Es sei kaum zu glauben: «Der Schawinski hat es doch
noch zu etwas gebracht!»
Und tatsächlich, da war er wieder, «genau der gleiche Gispel wie früher!» Unweigerlich kamen ihm Bilder vom Orientierungslauf in den Sinn. «Obschon er überhaupt nicht Karten lesen konnte, wusste er
immer alles besser.» Also sei er einfach vorausgeeilt und habe gerufen: «Hier lang! Alles mir nach!»
Bei der ersten Klassenzusammenkunft gerieten sie sich sofort in die Haare. «Für mich bist du erstens ein Populist und zweitens ein verkappter Kapitalist», griff ihn Wagemann vor allen anderen an.
Jedem Kenner der Materie sei sofort klar, dass er nicht viel vom Metier verstehe, wenn er im Kassensturz über Banken und Versicherungen herziehe.
Als Schawinski drohte, bald komme er auch ihn mit einem Filmteam besuchen, konterte Wagemann: «Aber ohne Mikrophon! Sonst drehst du mir das Wort im Mund herum.» Natürlich meinte er das nicht böse,
doch er wollte seinen ehemaligen Schulkollegen nicht wie die anderen uneingeschränkt bewundern, nur weil er jetzt beim Fernsehen war.
Nach dem Essen besuchten sie alle einen Nachtclub beim Hauptbahnhof. Doch wo immer das Grüppchen auftauchte, war Schawinski umschwärmter Mittelpunkt. «Er ist wie bei einem Filmstar», sagt Wagemann,
«und um ihn herum sind die anderen nur Luft.»
Als sie in einer Ecke zusammensassen, kam plötzlich ein Unbekannter auf Schawinski zu und wollte seine Meinung zur Ölkrise wissen. Er sei privat hier, wehrte er ab, ob er nicht morgen ins Büro
anrufen könne. Als der Fan nicht locker liess, griff Wägeli ein: «Bitte verschwinden Sie doch endlich, ich zahle Ihnen ein Bier an der Bar!»
Zum Schluss des Gesprächs erlaubt Werner Wagemann einen Blick in den Keller seiner Villa. «Zugegeben, in der Schweiz ist Roger ein Star», sagt er beim Öffnen der unscheinbaren Türe. Zum Vorschein
kommt – man traut seinen Augen nicht! – die originalgetreue Nachbildung eines Western-Saloons.
«In Amerika kennt Schawinski doch kein Mensch!» sagt Wagemann leise.
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