Acht Jahre nach Václav Havel geht der Duttweiler-Preis an Roger Schawinski – welch eine Genugtuung!

«And the winner is…» – nein, nicht Madonna!

Auf den Monitoren sind die eintreffenden Gäste zu sehen: Gerade begrüsst Roger Schawinski den Komiker (und ehemaligen Mediendokumentalisten beim Schweizer Fernsehen) Viktor Giacobbo. «Hoi Viktor! Lässig, dass bisch cho!»
Der Techniker im Übertragungswagen von Tele 24 setzt den Kopfhörer auf. Noch einmal prüft er die Leitungen ins Studio, regelt Farben und Ton. «Natürlich gehen wir live auf Sendung», sagt er. Schliesslich sei der grösste Tag im Leben seines Chefs. Ihm wird heute in Rüschlikon, hoch über dem Zürichsee, der Duttweiler-Preis verliehen.
«Ein schöner Preis, ein schweizerischer Preis», sagte vor acht Jahre Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in seiner Laudatio zu Václav Havel, dem Staatspräsidenten der damaligen Tschechoslowakei. Und schloss mit den Worten: «Ich bin sicher, Odysseus wählte das Los, ein Schweizer zu sein.»
Heute sitzt Roger Schawinski in der ersten Reihe – umrahmt von Ehefrau Gabriella und seiner Schwester Jacqueline (die seit dreissig Jahren in Kanada lebt, «weil ich mit meinem berühmten Bruder in der Schweiz nicht mein eigenes Leben führen könnte» – und am Rednerpult lässt Stiftungspräsident Jules Kyburz das Leben des «Medienpioniers», «Medienpapstes», «Radiopiraten», «Che Guevara des Schweizer Fernsehens» und «Ted Turner von Züri West» Revue passieren. Eine Odyssee im Zeitraffer: «Als er den Kassensturz erfand, machte er aus dem Konsumentenschutz eine offensive Kraft. Als Chefredaktor der Tat machte er eine Boulevard-Zeitung, die so modern war, dass die Migros nicht Schritt halten konnte. Mit Radio 24 kämpfte er nicht nur den den Weg frei für das Lokalradio der Schweiz, er krempelte auch gleich beide Hörergewohnheiten um. Mit Tele Züri etablierte er das erste grosse Regionalfernsehen in unserem Land und schrieb so rasch schwarze Zahlen, wie weltweit keiner zuvor. Mit Tele 24 eroberte er die nationale Konzession für das erste sprachregionale Fernsehprogramm, und mit dieser vorläufig letzten Pioniertat brachte er das Monopol des Schweizer Fernsehens SF DRS ins Wanken.»
Die Laudatio hält Stefan Aust. «Lieber Herr Schawinski», bemerkt der Chefredakteur des deutschen Spiegel-Magazins gegen Schluss seiner Rede, «Sie haben sich mit Talktäglich den Ruf eines überaus scharfzüngigen und temperamentvollen Star-Talkers erworben. Doch ich kann mir, so viel Spass die Sache auch macht, schwer vorstellen, so etwas als Nebentätigkeit jeden Tag hinzukriegen.» Langsam hebt er den Blick, und mit schelmischem Lächeln fügt er hinzu (und zwar in Abweichung vom Manuskript), – «irgendwie müssen sie auch einen kleinen Knall haben…»
Alle lachen, klatschen, toben. Endlich hat einer den Mumm, diesen Teufelskerl, den man hierzulande entweder vergöttert oder in Grund und Boden verdammt, auf menschliches Mass zurechtzustutzen.
Jetzt geht Schawinski nach vorne in seinem leicht zerknitterten Smoking. «Es ist für mich absolut unbegreiflich, was heute hier abläuft», beginnt er, und mit vibrierender Stimme erwähnt er seinen Vater, der gerade noch mitbekommen habe, dass er diesen Preis erhalte («Bitte halt durch bis zum 10. November!» habe er ihn angefleht, wie sich Schwester Jacqueline erinnert). Doch im Mai verliessen Abri die letzten Kräfte zum Weiterleben.
«Ihm habe ich sehr vieles, fast alles zu verdanken.» sagt er. Lange habe er in Gedanken mit ihm dialogisiert, um herauszufinden, was er mit dem Scheck über 50’000 Franken Sinnvolles anzufangen solle. «Und dann wurden wir in den letzten Tagen mit Meldungen über die schlimmsten Unwetter in Zentralamerika schockiert.» Er selbst habe dort gelebt, kenne die Menschen und wisse, wie schwierig das Leben dort sei.
«Deshalb möchte ich diesen Preis einer Aktion stiften, die wir morgen unter dem Titel Not in Mittelamerika starten. Unsere Leute vom Radio und Fernsehen sind bereits unterwegs, um darüber zu berichten.» Herzlicher, warmer Applaus.
Bühne frei für den Berner Mundartrocker Polo Hofer, seinerzeit «Hilfspirat» bei Radio 24. Zum ersten Mal in seinem Leben trägt er heute Krawatte, noch nie zuvor sei er in so feiner Gesellschaft aufgetreten. Und natürlich stimmt er den Reggae-Song von Jimmy Cliff an: «You can get it if you really want».
Wie auf Kommando wird den Gästen im Saal ganz anders: Mit glänzenden Augen wippen sie mit und bewegen ihre Lippen, denn sie nehmen es wortwörtlich: «Du kannst es schaffen, wenn du wirklich willst.» Es ist die Hymne des einfachen Mannes, der es gegen alle Widerstände zu etwas gebracht hat – und Roger Schawinski ist ihr Verkünder.
Wer nicht mit ihm ist, lässt sich heute abend ohnehin erst gar nicht blicken. Die auffälligsten Abwesenden sind: die Spitzenfunktionäre des Schweizer Fernsehens, allen voran Direktor Peter Schellenberg und Chefredaktor Peter Studer (der in seiner Absage spitzfindig begründete, warum Schawinski in seinen Augen gar kein wirklicher Monopolbrecher sei). Weiter fehlen die Kaderleute der grossen Zeitungsverlage Ringier und Tages Anzeiger – sowie sämtliche Ex-Ehefrauen des Preisträgers.
Doch man ist ganz gerne unter sich. Beim anschliessenden Nachtessen sickert durch, dass als Preisträgerin ernsthaft die Popikone Madonna Ciccone im Gespräch gewesen sei. Und eigentlich hätte sich Roger Schawinski für die Laudatio den amerikanischen Medienunternehmer Ted Turner gewünscht, einen Winnertypen mit ebenfalls ausgeprägter Vaterbeziehung; als Gründer des internationalen Nachrichtensenders CNN vom amerikanischen Magazin Newsweek zum «Man of the year» gekürt, hatte er das Heft mit seinem Porträt auf der Titelseite in die Höhe gehalten und ergriffen ausgerufen: «Father, is that enough?»
Wirklich schade, dass Turner nicht kommen konnte – mit der glamourösen Gattin Jane Fonda an seiner Seite!