Als alles verloren scheint, kreuzen sich die Wege von Gabriella und Roger
«Stundenlag haben wir geredet, wir haben uns halb kaputtgeredet»
Es war ihre schwierigste Rückkehr in die Schweiz. Desillusioniert zog Gabriella Sontheim in die leere Wohnung im Seefeld zurück. «Ich hatte das Gefühl, alles hat keinen Sinn mehr.»
Wieder half eine Stellvertretung als Lehrerin über das Schlimmste hinweg – sie ersetzte einen an Kehlkopfkrebs erkrankten Lehrer. An einem trüben Samstagnachmittag im Februar 1993 rief Regula
Bochsler an, eine alte Schulfreundin und Journalistin. «Ich habe mich von meinem Freund getrennt», sagte sie, «und ich bin heute abend an die Tele-Party eingeladen, kommst du mit?»
In Jeans und Cowboystiefeln kreuzte sie in Miller’s Studio auf, wo sich mehr und weniger prominente Medienleute in eine Schlange stellten, um am Buffet ein paar Happen auf ihren Plastikteller zu
schaufeln.
«Schau, dort vorne steht Roger Schawinski», raunte auf einmal der Journalist Thomas Hämmerli mit einer Kopfbewegung in seine Richtung. Gabriella nahm es gelassen zur Kenntnis. «Ach so.»
Zurück am Tisch erzählte Thomas, der früher beim Stadtmagazin Bonus mitgearbeitet hatte, seit Rogers Freundin Rachel so unerwartet gestorben sei, gehe es ihm hundsmiserabel.
Sie sei auch mit Rachel befreundet gewesen, erwähnte Gabriella, die von ihrem tragischen Tod bereits gehört hatte, «wir haben zusammen Schule gegeben.»
Thomas Hämmerli wurde hellhörig. «Dann muss ich dich unbedingt Roger vorstellen!»
Kurz darauf standen sie sich gegenüber. Sie habe Rachel gekannt, sagte sie einfühlend, «es tut mir wahnsinnig leid, was passiert ist.»
Im ersten Moment wirkte Schawinski – in Begleitung seiner Freundin Edna Liesak, die ihn in dieser Phase unterstützte – als hätte ihn der Schlag getroffen. Verdattert blickte er um sich, brachte
keinen gerade Satz mehr hervor. Am nächsten Tag rief er Gabriella zuhause an: Er habe ihre Nummer im Telefonbuch ausfindig gemacht und müsse dringend mit ihr reden.
*
Nach seinem Anruf gingen sie oft spazieren, meist auf dem Panoramaweg oberhalb des Zürichsees. «Wir waren beide irrsinnig heartbroken und haben erlebt wie es ist, wenn man jemanden verliert, den man
über alles liebt», erzählt Gabriella. «Stundenlag haben wir geredet, wir haben uns halb kaputtgeredet. Wir redeten über Rachel, über Buddha, den Bhagwan und die Welt.»
Roger sei zu dieser Zeit viel zuhause im Schneidersitz herumgesessen, die Handflächen nach oben, und habe über das Leben und den tieferen Sinn nachgedacht. «Das ist ein lässiger Typ», staunte
Gabriella, «der sich mit solchen Sachen auseinandersetzt.» Am meisten habe sie verblüfft, dass einer wie Schawinki nicht schockiert gewesen sei vom Chaos in ihrem Leben. «Im Gegenteil, der hat das
alles super gefunden mit Poona, Oregon und Santa Fe!»
Trotzdem war sie sicher, sich nicht in ihn zu verlieben. «Er war, ehrlich gesagt, nicht mein Typ» gesteht sie, «ich stand auf internationale, universale Männer, die überall in der Welt herumgekommen
sind.» Doch Roger sei nicht nur ein unheimlich charmanter Mann, sondern auch ein begnadeter Kommunikator. «Er hat mich verbal verführt, und er weiss wirklich unglaublich viel.» Es stimme überhaupt
nicht, was viele behaupten, dass bei ihm alles oberflächlich sei. «Sein Gedächtnis ist wie ein Schwamm; was er einmal aufschnappt, merkt er sich jahrelang.» Das sei übrigens sein Geheimnis im
Talktäglich: «Er kann auf eine Fülle von gespeicherten Informationen zurückgreifen.»
Im Juni 1993 erklärten sie ihre Beziehung für offiziell («Er hat mich nie gedrängt – er hat nur nicht mehr losgelassen!»). Ein Jahr später arbeitete Gabriella Sontheim als Produzentin von Talktäglich
und später als Videojournalistin für die Sendung Lifestyle bei Tele Züri. Nach drei Jahren sagte er, er wolle mit ihr zusammenziehen («Wir haben ein paar Häuser angeschaut, und das erste, das mir
gefiel, hat er gleich gekauft!»). 150 Gäste kamen im Sommer 1996 zur Hochzeitsparty und liessen sich im Festzelt von engagierten Multikultiköchen verwöhnen. Kurz darauf wünschte er sich ein Kind.
(«Natürlich hat er geglaubt, jetzt würde ich eine sorgende Hausfrau und Mutter. Aber da hat er sich getäuscht!»). Dass sie «den Fulltime-Job als Ehefrau von Roger Schawinski» nie antreten wollte,
habe er erst «nach anfänglichen patriarchalischen Auseinandersetzungen» akzeptiert.
Als «Kind der Kommune» sei sie nicht für ein Leben in sozialer Isolation geschaffen, darum veranstalte sie in der 7-Zimmer-Villa eine muntere WG, lade Freunde und Freundinnen ein. Zusammen mit
Tochter Lea Hannah besuche sie – seit ihrem Filmbericht über den Dalai Lama – regelmässig die Mönche im buddhistischen Kloster von Rikon und nehme an Zelebrationen und Meditationen teil. «Dort ist
egal, wer du bist und was du hast.»
Zeit für eine Führung durchs Parterre: Den Buddha auf dem Holztisch hat er bei Sotheby’s in New York ersteigert. Den kambodschanischen Buddha aus der Khmer-Zeit hat er ihr zur Hochzeit geschenkt.
Sogar auf dem Gäste-WC steht ein Buddha. Zuletzt wirft Gabriella einen Blick zum imposanten burmesischen Zweimeter-Buddha zuhinterst im weitläufigen Garten. «Roger hat ein grosses Bedürfnis nach
innerem Frieden», sagt sie, «doch diesen findet er wohl kaum, wenn er möglichst viele Buddhas kauft.»
Tatsächlich stehen die Zeichen auf Sturm. «Roger steht jetzt mitten im Ozean auf der Kommandobrücke seines Kriegsschiffes, es trommelt – tum–tum–tum! – und geht volle Kraft vorwärts, immer auf
Angriff, jeden Tag!» Mit letztem Einsatz versuche er, Tele 24 auf Kurs zu halten, um irgendwann in ruhigere Gewässer einzubiegen. Doch immer wieder werde er in aufreibende Gefechte verwickelt. «Star
War beim Privat-TV», titelt die Sonntagszeitung, als ihm einige der besten in der Crew die Gefolgschaft verweigern. Doch Gabriella ist zuversichtlich. «Roger ist am stärksten in der Krise, muss man
wissen», sagt sie. «Vielleicht provoziert er deswegen immer wieder neue Konflikte.»
Kehrt Käpten Roger nach einem turbulenten Tag zurück, spielt sich Sonderbares ab. «Er ist zwar körperlich im Raum», berichtet Gabriella, «aber geistig ist er abwesend.» Wenn alles «Huhu!», «Hallo!»
und «Bist du noch da?» nicht mehr hilft, weiss sie: Er hat ein ernsthaftes Problem und sucht nach einer Lösung. «Dann sitzt er einfach stundenlang nur da und will in Ruhe gelassen werden. Das sei das
Eigenartige mit Roger: «Oft ist er weit weg – auch wenn er eigentlich zu Hause ist.»
Sie holt tief Luft. «Seit geschlagenen dreissig Jahre rackert der nun schon wie ein Wahnsinniger!» Dabei sage sie ihm immer: «Du bist nicht mehr David, in den Augen der Leute bist Du längst Goliath
und musst gar nicht mehr kämpfen!» Langsam aber sicher müsse er sich damit befassen, dass auch er älter wird. «Zugegeben, es ist ein schmerzhafter Prozess zu realisieren, dass man ersetzbar ist»,
sagt sie. «Bei uns Frauen ist es die Menopause, die uns zur Einsicht zwingt: Wir können keine eigenen Kinder mehr bekommen, jetzt sind die anderen dran.» Diese Phase stehe jetzt Roger bevor – «darum
ist bei ihm manchmal diese Traurigkeit zu spüren, diese Melancholie.»
Am meisten mache ihm der Neid der Leute zu schaffen, sagt sie noch. «Für viele ist es schwierig nachzuvollziehen, dass er sich aus der Dreizimmerwohnung an der Birmensdorferstrasse in das eigene Haus
am Zürichberg hochgearbeitet hat und einen Jaguar fährt, über den er sich jeden Tag freut wie ein kleines Kind.» Die Schweiz werde langsam zu eng für Roger; überall stosse er auf Widerstand, und sie
hoffe, dass ihm nicht eines Tages die Lust vergehe, am Morgen aufzustehen. «Und vor allem muss er höllisch aufpassen, dass er sich vor lauter <Alle sind gegen mich!> nicht in die Isolation
verrennt.»
Sonst werde er am Ende noch sein eigener Gegner.
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