Rachel und Roger – die Tragödie der beiden, die sich ein Leben lang verpassten

Plötzlich fing es an zu funken im Wäggital

Roger Schawinski hat drei Büros: Eines bei Radio 24 eines bei Tele 24 – und eines zu Hause. In letzterem steht sein Fitnessvelo, das nach dem Strampeln an Ort eine Quittung ausdruckt, und über dem Schreibtisch hängt ein Bild, von einer Künstlerin in Jaffa gemalt. Es zeigt das gütige Gesicht einer dunkelhaarigen jungen Frau: Rachel Mil.
Für Roger Schawinski war sie immer einfach «ds Klärli» (eigentlich hiess sie Claire, doch sie selbst verwendete hauptsächlich ihren jüdischen Vornamen Rachel); und kein Mensch in seinem Leben hat ihm mehr bedeutet als sie.
Kennengelernt hatte er Rachel in seiner Schulzeit als die beste Freundin seiner Schwester Jacqueline. Die beiden Mädchen waren seit dem Kindergarten zusammen – und für den um drei Jahre älteren Roger, der sie oft nervte, hatten sie meist nur Kichern übrig.
Von seiner ernsthafteren Seite zeigte er sich erstmals im Ilanot, dem Jugendbund der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, wo er sich als Madrich (Führer) engagierte, aufwühlende Filme über den Nationalsozialismus und den Holocaust vorführte und anschliessend packende Diskussionen zu diesem Thema leitete oder – wie etwa in einem Skilager in den Flumser Bergen – das Unterhaltungsprogramm ausrichtete.
«Dort war ich erstmals in einer Managementfunktion tätig», sagt er heute. Später, bei seinen Radio- und Fernsehprojekten, habe er immer das Gefühl gehabt, «eigentlich mache ich genau das Gleiche wie damals beim Jugendbund.» Nur sei die Kwuza (die Gruppe) in der Zwischenzeit etwas grösser geworden…
Beim Inszenieren des Theaterstücks «Le Petit Prince» von Antoine de Saint-Exupéry mit seinen Schützlingen seien ihm erstmals die inneren Qualitäten der zierlichen Rachel aufgefallen. Wer sonst könnte dem kleinen Prinzen die Stimme leihen, der mit grenzenlosem Vertrauen und kindlicher Unschuld von einem fremden Planeten auf die Erde kommt, um einen wahren Freund zu finden? «Bei ihr spürte ich etwas Geheimnisvolles, ihre grosse Weisheit und eine tiefe Zuneigung.»
Nach Jahren der Funkstille verabredeten sie sich zu einem Ausflug ins Wäggital – Rachel bereitete sich auf ihren Abschluss des Lehrerseminars vor, während Roger Englisch für sein Studienjahr an der Uni in Michigan büffelte. An diesem sonnigen Tag konnte sie nichts mehr zurückhalten: «Plötzlich fing es an zu funken», schwärmt Schawinski, «wir umarmten uns heftig und kullerten wie in einer kitschigen Filmszene ungefähr fünfzig Meter den Abhang herunter.»
1968, Sommer der Liebe. Mit einer Einschränkung: Für Rachel, aus traditionellen jüdischen Familienverhältnissen stammend, war es undenkbar, sich ohne Heiratsabsichten sexuell mit einem Mann einzulassen. Schawinski erinnert sich an eine gemeinsame Ferienreise nach Skandinavien: Mit Rachels Mini tuckterten sie durch halb Europa, und jeden Abend stellten sie irgendwo ihr Zweierzelt auf. «Immer, wenn wir uns nahe kamen, blockte sie im entscheidenden Moment ab.» Dafür redete sie immer vom Heiraten, das wiederum erschien Roger verfrüht.
Mit allen Mitteln versuchte er, sein «Klärli» vom allzu orthodoxen Tugendpfad abzubringen, unter anderem nach seinem Pariser Interview mit der Chansonnière Francoise Hardy. Zitat aus der Schweizer Illustrierten: «Ich frage sie nach der geschlechtlichen Liebe. <Mir scheint sie auch vor der Ehe einfach unerlässlich>, meint sie. <Wie kann man überhaupt einmal heiraten, den man nicht auch von dieser Seite kennt?>»
Doch Rachel blieb bei ihrem Prinzip. Schawinski: «Sie war immer dieses brave Mädchen, das genau befolgte, was die Eltern von ihr erwarteten.»
Mit seiner ungestillten Sehnsucht verreiste Roger nach Michigan. Für ihn war klar: Nach dem Studienjahr würde er zu seinem «Klärli» zurückkehren; daran änderte auch die Freundschaft mit der puertoricanischen Studentin Priscilla nichts. Doch beim Wiedersehen war Rachel immer noch die Verschlossene – und dieser Herausforderung war das junge Glück auf Dauer nicht gewachsen. Bald heiratete Rachel einen diesbezüglich kompromissbereiteren Mann namens Richard; worauf sich Roger und Priscilla in San Juan verlobten.
Die Paare gingen getrennte Wege. Während Rachel und Richard mit ihren Kindern Arik und Sharon entschlossen auf eine gemeinsame Zukunft setzten, packte Roger nach sieben Jahren ehelicher Treue die Koffer. «Es wurde mir zu eng», erklärt er. Er habe sich zu jung und zu unreif gefühlt, um sein restliches Leben mit ein und derselben Frau zu verbringen.
In dieser Phase, von Schawinski als «Eheferien» bezeichnet, klopfte er bei «Klärli» an, die – wie sie ihm nun anvertraute – ebenfalls in einer ziemlich unbefriedigenden Beziehung lebte.
Das erste Treffen war schwierig, denn als prominenter TV-Saubermann beim Kassensturz befürchtete Schawinski negative Reaktionen auf seinen Seitensprung. Heimlich verabredeten sie sich in einem Hotelzimmer ein paar Kilometer jenseits der deutschen Grenze. Doch dieses Mal funkte es so intensiv, dass Rachel sämtliche elterlichen Ratschläge und Eheschwüre vergass.
Seit dieser Nacht bestand für beide kein Zweifel mehr: Sie mussten füreinander geschaffen sein. So schnell wie möglich wollte sich Rachel scheiden lassen, und sie hielt bereits Ausschau nach einer geeigneten Wohnung. Doch Schawinski zögerte: «Ich schreckte davor zurück, eine Familie mit zwei kleinen Kindern zu trennen.»
Wieder kühlten die Emotionen ab, und als Tat-Chefredaktor überbrückte Schawinski das Alleinsein mit seiner Mitarbeiterin Rita Schwarzer, die ihn nach seiner fristlosen Entlassung ein halbes Jahr lang in der Karibik begleitete. Derweil versuchte Rachel, sich in ihrer Ehe mit Richard zu arrangieren und endlich einen Weg zu sich selbst zu finden. So wurde sie Sanyassin beim Bhagwan, unterrichtete lernbehinderte Kinder, gab Kurse im Handauflegen und ganzheitliche Massagen. Trotzdem rutschte die Ehe immer tiefer in die Krise, Rachel litt unter Lähmungserscheinungen und konnte zeitweise nicht mehr gehen. Sie suchte Hilfe bei einem Heiler in London, und als sie wieder bei Kräften war, trennte sie sich von Richard und zog mit den Kindern von zuhause aus.
Doch jetzt war Schawinski bereits mit Ina verheiratet, der Schwägerin des Radio-24-Financiers Bernd Grohe. Kevin und Joelle erblickten das Licht der Welt und ein wunderschönes Haus in einer Waldlichtung sollte ihr Eigen werden.
Kurz: Nichts deutete darauf hin, dass sich die Wege von Rachel und Roger jemals wieder kreuzen würden.

*

Ob er tatsächlich von zuhause ausgezogen sei, stocherte die stadtbekannte Klatschkolumnistin Suzanne Speich im Juni 1989 am Telefon. Sie habe gehört, er sei in einem Appartement des Hotels Novapark abgestiegen.
Nervös stritt Schawinski alles ab – und fuhr noch am gleichen Tag vom Novapark zu seiner Familie zurück. Doch im Innersten ahnte er, dass in seiner Ehe mit Ina nichts mehr zu kitten war.
In seiner Not suchte er Halt bei «Klärli». «Wie durch ein Wunder führte uns das Schicksal zum dritten Mal zusammen», deutet Schawinski. Jetzt war er überzeugt: «Nach unseren Niederlagen waren wir reif für eine richtige Liebesbeziehung!»
Die Rückkehr zum jüdischen «girl next door» habe für ihn die einmalige Chance bedeutet, noch einmal von vorne zu beginnen und alles besser zu machen. «Sie kannte mich als Bub, bevor ich der Roger Schawinski aus den Medien war. Bei ihr musste ich mich nicht verstellen, nichts erklären.»
Zudem sei er zur Ansicht gelangt, dass es besser sei, wenn zu den alltäglichen Beziehungsproblemen nicht noch kulturelle und religiöse Differenzen kommen. «Was am Anfang faszinierend ist, wird mit der Zeit eher hinderlich», meint er. Auf der Suche nach ihren Wurzeln bereisten sie Polen und Israel, und anschliessend fanden sie inneren Frieden im amerikanischen New-Age-Zentrum in Esalen.
«Jetzt werden wir miteinander alt», schworen sie sich.
Doch nur zwei Jahre später kam der Tag, der sich im nachhinein als der tragischste in Schawinskis Leben herausstellen sollte. Es war am Abend des Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, an dem nach dem Fasten im engsten Kreis wieder «angebissen» wird.
«Mir ist übel», sagte Rachel plötzlich, und ihr Zustand verschlechterte sich stündlich in dieser Vollmondnacht. Ärztliche Untersuchungen zeigten Anzeichen einer Vergiftung – zunächst ohne ersichtliche Ursache. Als ihre Kräfte von Tag zu Tag schanden, verlegte man sie am Ende der Woche mit Vedacht auf Leberkrebs zu Spezialisten in die Universitätsklinik. Kleinere Eingriffe wurden vorgenommen, von Transplantation war die Rede.
Nach fünf Wochen rückte es der Professor heraus: Die Metastasen hatten sich bereits ausgebreitet. «Sieht so ein Todesurteil aus?» fragte Schawinski ernüchtert.
Die meiste Zeit verbrachte er an ihrem Bett, manchmal übernachtete er im Spital. «Das Wahnsinnige war, wie fröhlich sie blieb», sagt er, «meistens war sie es, die mich aufmunterte, und nicht umgekehrt.»
«Später werden wir sagen, weisst du noch, als ich krank war?» lachte sie auf der Fahrt zu einem Yoga-Lehrer mit heilerischen Kräften in Amden, in den sie ihre letzte Hoffnung setzte. In einer Alphütte liess sie sich mit Misteln therapieren. Noch einmal lebte sie auf, spielte Klavier und meditierte. Doch nach wenigen Tagen kam ein Telefon: Sie sei zusammengebrochen.
Im Spital hängten sie die Ärzte sofort an die Infusion, doch Rachel fiel immer tiefer ins Koma. Draussen war wieder Vollmond, und ihr Atmen hallte durch die Korridore. «Es war ein Rasseln, wie bei einer Ertrinkenden», vergleicht Schawinski, der zusammen mit ihren Kindern bis zuletzt an ihrer Seite ausharrte. «Ein letztes Mal hob sie ihren Arm und legte ihn mir um den Nacken», erzählt er erschüttert. «Sie mobilisierte übermenschliche Kräfte, um mir Adieu zu sagen.»
Nach Mitternacht, am 20. November 1991, war es plötzlich totenstill.
Wochenlang vegetierte Schawinski in seiner Wohnung und hörte klassische Musik – die ewig gute Laune auf Radio 24 konnte er nicht mehr ertragen. «Ich hatte das Gefühl, alles ist vorbei, ich werde im Leben nichts mehr erreichen und nie wieder eine Frau finden, die zu mir passt.»
Über Weihnachten heulte er sich an der Schulter seines Freundes Hanspeter Bürgin in Costa Rica aus, der dort als Südamerika-Korrespondent für den Tages-Anzeiger lebte. Dann stellte er in Esalen den Masseur zur Rede, der Rachel kurz vor Ausbruch ihrer Krankheit behandelt hatte. «Warum hast Du nichts gespürt», klagte er ihn an, «Du mit Deinem Einfühlungsvermögen?»
Einige Monate später lud Schawinski die engsten Angehörigen und Freunde von Rachel nach Maalot im Norden von Israel ein. Dort hatte er für rund 100’000 Franken eine Schule mitfinanziert, an der hauptsächlich jüdische Einwandererkinder aus Äthiopien unterrichtet werden. (Zu Äthiopien hat er seit seinem Engagement während der Hungerkatastrophe von 1984 ein inniges Verhältnis, als bei einer Spendenaktion von Radio 24 rund vier Millionen Franken zusammenkamen.) Feierlich wurde jetzt die Tafel mit der Inschrift «in memory of Rachel Mil» enthüllt.
Heute weiss Schawinski: «Selbst das Negativste hat noch eine positive Seite.» Denn ohne «Klärli» hätte er Gabrialla niemals kennengelernt, und erst durch sie habe er erlebt, dass selbst das schlimmste Tief nicht das Ende ist.
«Ich bin nun ein Überlebender», sagt Schawinski. «Was immer passiert, es haut mich nicht um!»