Wenn sich streitbare Zeitgenossen in die Haare geraten: Schawinskis Begegnung mit Niklaus Meienberg
Bärtiger Bürgerschreck vs. Multimillionär
«Ist Meienberg ein Antisemit?»
Alle, die das Podiumsgespräch zu diesem Thema erlebt haben, werden den Abend im Oktober 1991 wohl nie vergessen.
Im Vorfeld hatte der streitbare Publizist mit eigenwilligen Interpretationen zum Golfkrieg schockiert: Iraks Diktator Saddam Hussein sei von Natur aus nicht grausam, «wie uns nun die Dummerjane von
der Zionistenpresse glauben machen wollen», war in der Ostschweizer AZ nachzulesen. Und der amerikanische General Norman Schwarzkopf, «jüdischer Abkunft», sei ein «rechtsextremer Zionist,
militärischer Berserker, vitaler Satansbraten, 140 Kilo schwer und 170 IQ», der sich als «jüdischen Messias» sehe, «oder wenigstens als Judas Makkabäus, welcher die Feinde Israels endgültig –
harmaggedon! – aufs Haupt schlagen wird.»
Nach seinem Abstecher an die Siegesparade in Washington hatte Niklaus Meienberg in der Weltwoche beanstandet, er habe weder Enzensberger noch Henryk M. Broder oder Roger Schawinski mitmarschieren
sehen, dabei seien sie «doch so von diesem Krieg begeistert gewesen und hatten frenetisch Aufrüstung betrieben.»
Die Diskussion zog sich schleppend dahin, und es herrschte bereits Ernüchterung, als plötzlich von ganz hinten im Saal Roger Schawinski ans Mikrophon stürmte und Niklaus Meienberg in höchster
Erregung als Antisemiten und üblen Charakter beschimpfte. «Roger hatte Schaum vor dem Mund», beschreibt Augenzeuge Jürg Ramspeck, «er brachte keinen geraden Satz hervor.» Seine hasserfüllten Tiraden
seien bestimmt keine Show gewesen.
Anschliessend, in der Pizzeria Da Guido, wäre es um ein Haar zu einer Schlägerei gekommen – erst im letzten Moment konnten sie von Umstehenden zurückgehalten werden. «Dich mache ich fertig, auch wenn
es mich den letzten Franken kostet», habe Schawinski gefaucht.
Kaum jemand verstand seinen Gefühlsausbruch. Die meisten Zeitungen schwiegen den Eklat tot, nur das linke Volksrecht urteilte: «Gewisse Zuhörer/innen waren fehl am Platz. Roger Schawinski
beispielsweise, Boss des Radio 24, stürmte ausser sich vor das Podium und beschimpfte Niklaus Meienberg aufs gröbste. Er, der sich ungebeten jeden Monat im Bonus 24 über die bösen, bösen Medienmacher
in diesem Lande ausweint, benahm sich selber wie einer, der keine Grenzen kennt.»
*
Um zu begreifen, wie der bärtige Bürgerschreck und der smarte Medienpionier so heftig aneinandergeraten konnten, muss man zwei weitere Jahre zurückblenden.
Damals verfiel Schawinski dem fatalen Gedanken, sich zum 10jährigen Jubiläum von Radio 24 im Oktober 1989 vom wortgewaltigen Niklaus Meienberg im Doppelpunkt ausquetschen zu lassen – wer sonst wäre
ein glaubwürdiger Gegenspieler gewesen?
Dieser nahm die Herausforderung an, und nachdem er sich auf Schawinskis Kosten (drei bezahlte Arbeitstage) kundig gemacht hatte, setzten sie sich an einen Tisch.
Zuerst – wie hätte es anders sein können – schielte Meienberg aufs Portemonnaie: «Du bist unterdessen Multimillionär, was machst Du mit dem Stutz?»
Schawinski (leicht genervt): «Das hast Du doch sicher recherchiert, Du bist doch so ein guter Journalist.»
«Verglichen mit einem durchschnittlichen Zürcher bist Du ein Superprivilegierter», drängelte Meienberg, «Du hast ein eigenes Haus, anscheinend ein sehr schönes Haus mit einem unterirdischen
Schwimmbad, ist das richtig?»
«Wenn Du das so sagst, tönt das, als wäre es obszön!»
«Kommt draufan, was passiert im Schwimmbad.»
Als nächstes kritisierte Meienberg das Radioprogramm: «Wenn man eure Sendungen so anhört, dieses ständige Geplätscher, hat man das Gefühl, man kann den Hahnen aufdrehen und statt Wasser kommt halt
Musik heraus. Es ist immer unheimlich rasant, unheimlich aufgestellt. Immer dieser Zwang zum Lustigsein, zum Knackigsein, das Allerneuste durchzugeben und gleich wieder zu vergessen. Das macht ja
noch kein gutes Radio aus!»
«Ja, leider, Niklaus, das ist unser Problem», lachte Schawinski, aber diese Stereotypen seien schon vor zehn Jahren gegen Radio 24 ins Feld geführt worden.
Meienberg insistierte: «Das nervöse Radio-24-Gehaspel, wo eine Nachricht die andere totschlägt und eine Melodie die andere versenkt, ununterbrochen, wie bei einem Computerspiel, in dem Du
Unterseeboote versenken kannst…»
«Wir haben eben das Gefühl, wir müssen etwas zum Lebensgefühl der Bevölkerung beitragen!»
Auf die Frage, ob er in seinem Wohlstand überhaupt ermessen könne, was Obdachlosigkeit und Wohnungsnot in Zürich bedeuteten, wies Schawinski darauf hin, dass während der Jugendunruhen im Radiostudio
kein einziges Mal eine Scheibe eingeschagen worden sei, obschon es in unmittelbarer Nähe des Alternativen Jugendzentrums lag. «Sie haben instinktiv gewusst, dass wir Verständnis haben für die
Schwächeren!»
«Mhm, mhm», brummelte Meienberg. «Wollen wir ein bisschen Musik machen? Es muss ja nicht unbedingt Militärmusik sein.»
«Nein, es ist ein Liebeslied», sagte Schawinski und spielte Billy Joel mit «Just the Way You are» ein. Derweil sassen sich im Studio zwei Fremde gegenüber: Während Schawinski seinem Kontrahenden wie
ein Versicherungsvertreter vorgekommen sein muss, wirkte Meienberg auf diesen wie ein Prophet, der vom kurz bevorstehenden Weltuntergang überzeugt ist.
Fast schon verzweifelt suchte Meienberg nach der Pause den «durchgehenden psychologischen Strang» für Schawinskis Aufstieg. «Hast Du in der Jugend zuwenig Liebe bekommen? Suchst Du mit einer
ungeheuren Intensität überall Anerkennung und Liebe?» bohrte er, «oder hast Du eher zuviel Liebe bekommen?» Umständlich erkundigte er sich nach Mutter und Vater, um – endlich! – zum Thema zu kommen,
das ihn wirklich interessierte:
Meienberg: Hat das jüdische Milieu, aus dem Du kommst, einen grossen Einfluss auf Dein Weltverständnis?
Schawinski (überrumpelt): Das kann ich nicht beurteilen, denn alle diese Sachen kann ich natürlich nicht –, versuche ich nicht rational –, oder kann ich nicht versuchen direkt, eh, psychologisierend
zu erfahren. Ich glaube schon, dass ich, eh, wie ich gesagt habe, immer ein bisschen auf der Seite der Schwachen bin, glaube ich, tendenziell, auch wenn ich jetzt ein bisschen, so wie es aussieht, in
einer starken Position bin, habe ich das Gefühl, ich kann immer noch nachfühlen, wie es ist, wenn man zuunterst ist.
Hat Dein Grossvater als orthodoxer Jude praktiziert, ist er in die Synagoge gegangen?
Ja, sehr, aber das war noch vor meiner Geburt.
Also in Deiner Erziehung hat die ganze jüdische Orthodoxie überhaupt keine Rolle gespielt?
Doch, ich habe eine jüdische Erziehung gehabt, ich war auch in Israel im Kibuzz und habe als Pionier den Boden urbar gemacht.
Für Jaffa-Orangen und so?
Ja, unter anderem.
Und? Warst Du total begeistert von Israel?
Ja, das fand ich gut, finde ich heute noch richtig. Ich bin ganz klar der Meinung, dass es Israel braucht. Es hat meine volle Solidarität.
Was spürst und denkst Du, wenn Du einen orthodoxen Juden mit Hut und Kaftan auf der Strasse siehst?
Es ist eine fremde Welt, zu der ich keinen Zugang mehr habe, die mich auch verwundert. Ich glaube, diese Menschen leben in einer Welt, die völlig anders ist als unsere, und hie und da überkommt mich
der Gedanke, dass sie es vielleicht einfacher haben. Die haben ein völlig festes Weltbild, in dem alles klar ist, was gut ist, was schlecht ist, und es gibt kein Wenn und Aber. Und ich bin in einer
Gesellschaft, wo alles laufend in Frage gestellt wird. Laufend stellt man auch sich selber in Frage.
Hast Du in der Schweiz nie Antisemitismus gespürt?
Nie offenen Antisemitismus. Zumindest wollte ich nie etwas, was gegen mich oder gegen das Radio gemacht wurde, darunter subsumieren. Denn wenn ich anfange zu überlegen, der macht das, weil er ein
Antisemit ist, bin ich verloren. Dann bin ich regungslos, bewegungslos. Ich muss einfach annehmen, das ist, weil er ein anderes Interesse hat, und ich muss jetzt einfach schauen, dass meine Argumente
besser sind. Punkt.
Deine unheimliche Reaktionsgeschwindigkeit, Dein Arbeitswut, Dein Durchblick: Hast Du das Gefühl, das kommt aus den jüdischen Wurzeln, weil sich die Juden immer viel mehr wehren mussten als
andere?
Du, es gibt solche und solche, bei allen Gruppen. Ich kenne viele dumme Leute, die jüdisch sind.
Die Angst der Juden vor dem Pogrom, dass es einem wieder an den Kragen gehen kann, dass man trotz allem nie ganz sicher ist: Kann man daraus erklären, dass Du von allen akzeptiert werden möchtest?
Dein unheimliches Bedürfnis, von allen geliebt zu werden, wenn Du nicht gerade Krach hast mit allen, so dass man das Gefühl hat, Deine Kräche sind nur das Durchgangsstadium, damit Du nachher besser
akzeptierst bist mit Deinem Charme: Hat das etwas mit Deinem Judentum zu tun?
Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Ich setze mich in alle Nesseln, die es gibt.
Ja, aber die werden immer wieder zu Rosen mit der Zeit.
Aber ich bin kein Anpasser, der sich einschleicht und sich lieb Kind macht. Ich mache genau das Gegenteil.
Du machst es relativ subversiv: Du regst die Leute auf, Du gehst mit dem spitzen Messer an die entscheidende Stelle und spürst, wo Du hineinstechen musst. Aber Du stichst immer nur so weit, dass Dir
der andere am Schluss noch dankt, dass Du ihn malträtiert hast und Du voll akzeptiert bist am Schluss.
Das ist nicht so. Gerade in der Geschichte von Radio 24 wollte man mich kaputtmachen. Erst das Erfolgserlebnis brachte die Akzeptanz. Wenn ich verloren hätte, was man annehmen musste, wäre ich weg
vom Fenster gewesen. Endgültig erledigt. Erst am Schluss, als ich Erfolg hatte, sagten alle, das ist lässig.
Hast Du nie bedauert, dass Dein Leben nicht eine ganz andere Wendung genommen hat? Würdest Du alles noch einmal so machen?
Natürlich gibt es einiges, was ich bedaure. Aber ich glaube trotz allem, ich habe Glück gehabt. Ich konnte mir einen gewissen Freiraum schaffen, den ich mir immer wieder mit neuen Aktivitäten
zuschaufle. Ich werde in der zweiten Hälfte meines Lebens versuchen, noch mehr Lustbetontes zu machen und den Rest zur Seite zu schieben.
Nach diesem Bekenntnis legte Schawinski seine letzte Wunschplatte auf. Natürlich Jimmy Cliff: «You can get it if you really want».
*
Dann war Funkstille, bis in der Nacht zum 17. Januar 1991 der Golfkrieg ausbrach. Schawinski schaltete am schnellsten: Sofort stellte er eine Sondersendung auf die Beine, vermittelte die News von CNN
und befragte den Militärexperten Gustav Däniker.
Morgens um halb drei rief völlig aufgewühlt Niklaus Meienberg an. Es sei ein Skandal, wetterte er, das Schweizer Fernsehen habe doch tatsächlich den Golfkrieg verpennt! Diese «Schnarchsäcke» und ihre
«hundslausige Berichterstattung» müssten unbedingt auf Radio 24 angeprangert werden. Kurzatmig entgegnete Schawinski, es sei jetzt nicht der richtige Moment, um über das Schweizer Fernsehen
herzuziehen. Wütend legte Meienberg auf.
Ein paar Tage später kam ein wild dahingeschluderter Brief: «Eure Berichterstattung ist skandalös einseitig: eine Agentur für zionistisch-militärische Propaganda», las Schawinski da. Offenbar habe er
nicht gemerkt, dass seine «Berichtchen» über den Golfkrieg mehrheitlich aus amerikanischen oder amerikafreundlichen Quellen kämen. «Für Euer halbgebildetes, blutgieriges Publikum reicht das aber
anscheinend.»
«Du hast gern Krieg, da läuft etwas», schleuderte ihm Meienberg wutentbrannt entgegen, «Du bist ein ausgemachter Medienspekulant, die Wahrheit zieht dabei den kürzeren.» Bei nächster Gelegenheit
werde er Schawinskis «militärischen Schmierensender, der alles noch mit toller Musik aufgeilt» in einer grösseren Zeitung analysieren. «Dass Dir das nichts ausmacht, weiss ich allerdings; Du hast
schon längst kein journalistisches Ehrgefühl mehr.»
Schawinski antwortete postwendend, und zwar – wie es sich gehört – auf offiziellem Radio-24-Briefpapier. «Noch nie habe ich ein so hasserfülltes Schreiben erhalten», hielt er fest, «Deine
faschistoide Sprache und Denkweise erschwert es mir, mich in Ruhe mit Deinen Äusserungen auseinanderzusetzen.» Meienberg verwende «eine kriegerische und verhetzende Sprache, wie sie früher aus
Nazi-Deutschland kam und heute im Irak Saddam Husseins üblich ist». «Hat es Dir total ausgehängt, Niklaus? Spinnst Du vollständig, seit Dich Flavio Cotti an der 700-Jahrfeier gelobt hat? Hast Du so
Angst, Du könntest Teil des schweizerischen Establishments werden, dass Du wieder einmal die Sau rauslassen musst, und zwar auf einem Niveau, das schockiert?»
«Oder steckte im brillanten Schreiber Niklaus Meienberg schon immer dieser miese, kleine Fascho, der nur auf die Gelegenheit gewartet hat, um seinen Frust und seinen Hass in einem Stil
niederzuschreiben, der sein wirklicher ist?»
Wie schlimm es um Meienbergs Geisteszustand stand, wurde in den kommenden Wochen immer deutlicher: in der ganzen Welt verschickte er chaotische Pamphlete, mit denen er in letzter Minute den atomaren
Weltkrieg verhindern wollte («Tut etwas, wenn ihr nicht krepieren wollt!»), zudem wähnte er sich vom israelischen Geheimdienst verfolgt und in ständiger Lebensgefahr.
Zu dieser Zeit hatte Schawinski, den Meienberg für einen Mossad-Agenten hielt, vor allem mit privaten Problemen zu kämpfen: Nach der Scheidung zog Ina mit den beiden Kindern Joelle und Kevin
überstürzt nach Deutschland. Kurz darauf erkrankte Schawinskis Freundin Rachel an Krebs, mit der er seine Zukunft verbringen wollte.
Ausgerechnet jetzt musste die Israelitische Cultusgemeinde dieses verflixte Podiumsgespräch organisieren…
Schawinski online

