Auf den Spuren seiner polnisch-jüdischen Wurzeln wird Roger Schawinski von seinen Emotionen überwältigt
Nie wieder Sczawin!
«Ich sehe ein Bild vor meinen Augen: Eine grosse Stadt, zerstört, ob durch Erdbeben oder durch Krieg spielt keine Rolle. Ich sehe die Menschen, wie sie leben in ihren Löchern, wie sie Tag für Tag in
den Ruinen herumgehen und irgend etwas Brauchbares suchen: Da eine liegengebliebene Pfanne, dort eine Konservenbüchse. Aber es ist nicht nur ein Mensch hier, der sucht, nein, es sind Tausende, Kinder
und Greise, Krüppel und Muskelprotze. Alle schauen, dass sie diese Pfanne eher sehen als ihr Nachbar, dass sie die Bohnen aus der Konservenbüchse essen können. Diese Menschen, einen Tag vorher in
einem geregelten Leben, haben sich urplötzlich in eine Armee von Ratten verwandelt. Ihr Leben ist so grau wie die Ruinen, sie vegetieren wieder neben jenen Ratten, die sie vertrieben haben, darunter
auch einige menschliche, wie etwa Kriminelle, der Abschaum der Gesellschaft.»
Diese Alpträume – vom 17jährigen Roger Schawinski in einem Schulaufsatz beschrieben – stiegen wieder in ihm hoch, als er im Frühling 1990, nach der schmerzvollen Scheidung von Ina und der Trennung
von seinen Kindern, mit seiner Freundin Rachel nach Warschau jettete, um nach den Spuren seiner Vorfahren zu fahnden. Höchste Zeit für Schawinski: «Jetzt musste ich wissen, woher ich komme und wer
ich bin!»
Sie übernachteten im Hotel Marriott, und mit einem gemieteten Lada erreichten sie innert einer Stunde Kutno, eine Industriestadt westlich von Warschau mit 50’000 Einwohnern. Hier also, in diesem
«grässlichen, zurückgebliebenen Kaff», so Schawinskis Eindruck, lebte als Holzschuhmacher sein Grossvater Reuven Sczawinski, bis er sich drei Jahre vor Ausbruch des ersten Weltkrieges entschied, der
Armut und der Unterdrückung durch das zaristische Regime zu entfliehen. 1911 wanderte er in die Schweiz aus, und als Hausierer zog er kreuz und quer durchs Bündnerland. Kaum hatte er genügend Seifen,
Kämme und Schnürsenkel verkauft, liess er seine Frau Eva und die beiden Kinder nachkommen. In Chur kam 1916 Rogers Vater Abraham zur Welt.
In Kutno besichtigte Roger Schawinski das kleine jüdische Museum. Alte Schriftstücke von jüdischen Bürgern seien keine mehr vorhanden, bedauerte der Kurator. Ohne viele Worte führte er ihn in den
Hinterhof und deutete auf aufgereihte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Tausende weitere seien von den Deutschen für den Strassenbau verwendet worden, erklärte er.
Anschliessend besichtigten Roger und Rachel den Platz, auf dem 1942 die Juden zusammengetrieben worden waren, bevor sie von den Nazis ins Konzentrationslager verschleppt wurden. «Alles war plötzlich
so unheimlich nah, der Krieg und die Opfer der Verfolgung.»
Die Zeitreise führte weiter über Sczawin – «ein heruntergekommenes, verlassenes Nest, dem ich nichts mehr als meinen Namen verdanke» – und Chodesch, den Geburtsort seiner Grossmutter. Am Tor des
Konzentrationslagers von Ausschwitz stand er an der selben Stelle wie SS-Arzt Josef Mengele beim Empfangen der vollgepferchten Eisenbahnwagen. Er streifte durch die Baracken mit Inschriften wie
«Reinlichkeit ist wichtig», sah die Verbrennungsöfen sowie Berge von Haaren, Brillengestellen und Koffern. «Mir schien, als wären die Menschen erst gestern hinausgegangen», beschreibt er. Dieses
Erlebnis habe ihn vor allem auch mit der Endlichkeit seiner eigenen Existenz konfrontiert.
Nach einer weiteren Nacht im Marriott überwältigten ihn die Emotionen. «Wir müssen sofort abreisen», sagte er zu Rachel, «der Schmerz ist zu gross.» An keinem Ort auf dieser Welt habe er sich jemals
fremder gefühlt als in Polen; niemals wieder, so schwor er sich, werde er seinen Fuss in dieses Land setzen.
Auf einmal verstand er den Spruch, den er so oft von seiner Omama gehört hatte: «Polen soll verbrennt werden.»
*
Auch Abraham – von allen immer Abri genannt – wollte von seiner Vergangenheit nichts wissen. Niemals wurde in seiner Familie über die ostjüdische Herkunft gesprochen – genau so wenig wie über die
Zeit des Holocaust.
Von einer besseren Welt hatte Abri schon immer geträumt. Sein Leben lang schwärmte er davon, ein berühmter Clown zu sein. Wenn in seiner Kindheit der Zirkus nach Chur kam, war es für ihn das grösste
Erlebnis des Jahres. Oft streifte er ganz alleine mit einer Büchse Apfelmus und einem Stück Brot im Rucksack durch die Gegend und stellte sich vor, alle Augen wären auf ihn in der Manege
gerichtet.
Doch als Papa Reuven im Sommer 1929 von einem Auto angefahren wurde und starb, gab es keine Hoffnung mehr auf eine unbeschwerte Zukunft. Während Heiri, der Älteste unter den fünf Geschwistern, als
Hausierer für den Familienunterhalt sorgte, machte sich Abri als Balljunge auf dem Tennisplatz nützlich oder schleppte den Golfspielern die Ausrüstung hinterher.
In den dreissiger Jahren zogen die Schawinskis nach Zürich, wo Abri seine spätere Frau Marcelle Tyber kennenlernte, ebenfalls aus einer polnisch-jüdischen Familie stammend. Sie wohnten in einer
Drei-Zimmer-Wohnung an der Birmensdorferstrasse 65, nahe des Bahnhofs Wiedikon, und am 11. Juni 1945 kam Roger zur Welt. Wenn Mutter Marcelle den Kleinen mit den auffällig dicken und roten Bäckchen
im Kinderwagen vor sich herschob, bemerkten entzückte ältere Damen: «Dem sieht man den Krieg aber überhaupt nicht an.»
Wer ihn kannte, beschreibt Abri als Lebenskünstler mit unerschütterlichem Humor. Ohne Murren verdiente er sein Geld als Vertreter für Weisswaren, und wenn ihm die negativen Reaktionen wegen seines
polnischen Namens zuviel wurden, stellte er sich einfach im Bündnerdialekt als «Päuli Cavegn» vor.
Jeden Morgen sei er fröhlich losgezogen – «Schau mal, dieses Wetter, das wird ein herrlicher Tag!» –, und abends singend und pfeifend nach Hause gekommen, berichtet Jacqueline, die um zwei Jahre
jüngere Schwester von Roger. Kein Mensch habe ihm angemerkt, wie minderwertig er sich eigentlich vorgekommen sei wegen seines verhassten Berufs und seiner Körpergrösse von nur gerade 1 Meter
55.
Fürs Geschäftliche brachte Abri nicht die besten Voraussetzungen mit. Konnte ein Kunde nicht bezahlen, zeigte er grenzenloses Verständnis – und nicht selten wurde seine Hilfsbereitschaft schamlos
ausgenützt. Viel wichtiger war ihm die Psychologie: Als begeisterter Anhänger der Autosuggestions-Methode des französischen Apothekers Emile Coué (1857–1926) wiederholte er jeden Morgen und jeden
Abend mehrmals den Satz: «Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser.»
Überzeugt von der Kraft des positiven Denkens und als Präsident der Zürcher Coué-Vereinigung lehrte er, wie viel entscheidender es sei, die Vorstellungskraft zu trainieren als den sogenannten Willen.
Wer also zum Beispiel Angst habe, an einer Prüfung zu versagen, werde diese negative Eindrücke mit grösster Wahrscheinlichkeit erfüllen. Erfolgreich hingegen sei, wer sich von positiven Visionen
leiten lasse. «Ich habe diese Theorien immer für Hokuspokus gehalten», sagt Roger Schawinski. «Erst viel später habe ich realisiert, wie stark sie mich beeinflusst haben.»
Ohne viel Getöse ging Abri bei der Erziehung vor. Stets liess er seinen Sohn im Glauben, was er mache, sei schon gut.
«Ich will ab jetzt jeden Abend bis zehn Uhr wachbleiben», sagte Roger einmal.
«Wenn du das unbedingt willst», entgegnete er.
Am dritten Tag jammerte Roger gegen neun Uhr, er sei totmüde und wollte jetzt doch ins Bett.
«Nichts da», insistierte Abri, «Roger bleibt bis 10 Uhr auf.» Erst nach einer weiteren Woche und dem Drängen der Mutter hatte er ein Einsehen.
Besonnen blieb er auch im Sommer 1958, als Roger jeden Abend im Café Kef auf der anderen Strassenseite am Fernseher die Spiele der Fussballweltmeisterschaften in Schweden verfolgte.
«Wenn du nicht aus dem Gymnasium fliegen willst, musst du mehr lernen», erwähnte Abri beiläufig.
«Schau Vater, die WM findet nur alle vier Jahre statt, das Gymi jedes Jahr», erörterte der Neunmalklug, «also, was ist wichtiger?» Wenn er es so sieht, ist er sowieso nicht reif fürs Gymi, dachte
Abri und liess ihm das Vergnügen.
Das einzige, was er seinen Kindern nie bieten konnte, war ein Leben frei von finanziellen Sorgen. Tiefe Spuren hinterliess ein Erlebnis aus der Schulzeit: Eines Tages stellte der 10jährige Roger
fest, dass auf seinem Sparbüchlein – auf das er jeden Monat einen Fünfliber einzahlte – 270 Franken fehlten. Als er es seinem Vater berichtete, gestand dieser kleinlaut, er habe das Geld abgehoben,
um die Miete zu bezahlen.
Um so grösser war seine Genugtuung, als er seinen Liebsten im Sommer 1962 die erste grössere Ferienreise bieten konnte. In einem Schulaufsatz schwärmte Roger: «Zuerst fuhren wir mit dem Auto nach
Genua, wo wir einen Tag verbrachten. Dann reisten wir an einem Tag die ganze Riviera hinunter. Was ich an diesem Tag erlebte, werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Orte wie Monte
Carlo, Nizza und Cannes, die für mich so weit wie auf einem anderen Planeten waren, wurden plötzlich zur Wirklichkeit. Ich stand vor dem Palast in Monaco, betrachtete das Negresco in Nizza, fuhr über
die roten Felsen bei St. Raphael und spazierte auf der Strandpromenade in Cannes. Als ich mich am Abend ins Bett legte, fand ich noch lange keinen Schlaf, so war ich noch überwältigt von all dem
Erlebten.»
Allmählich ging Roger seinen eigenen Weg. Immer öfter sagte er, wenn Abri zum Auswärtsessen einlud, er nehme lieber das Geld und esse zuhause ein Yoghurt. Und eines Tages eröffnete er ihm: «Vater,
ich weiss jetzt alleine, wo’s langgeht, ich brauche keine Hilfe mehr.»
Das akzeptierte Abri wortlos – auf keinen Fall wollte er seinem Sohn vorschreiben, was er mit seinem Leben anzufangen habe. Zwar hätte er ihn am liebsten als hilfsbereiten Arzt im weissen Kittel
gesehen, doch auch alle anderen Berufe waren ihm genehm – ausser Polizist und Politiker!
Nie war Abri glücklicher als am Tag, an dem Roger an der Hochschule St. Gallen als Dr. nat. oek. promovierte. «Mein Bub, der Doktor» – diese Gewissheit trieb ihm vor Stolz die Tränen in die
Augen.
Später, als Roger bei Radio und Fernsehen für Furore sorgte, rief er ihn nach jeder Sendung an und gab seine Meinung bekannt. Völlig begeistert war er zum Beispiel, als sein Roger den grossen
Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff interviewte. «Das war so wertvoll», lobte er tags darauf, «danke, Roger, dass Du das ermöglicht hast!»
Das Schönste wäre für ihn, eines Tages nicht mehr arbeiten zu müssen, hatte Abri immer gesagt. Der erfolgreiche Sohn machte es Mitte der achtziger Jahre wahr. Als Marcelle den Haushalt nicht mehr
führen konnte, zogen die beiden auf seine Kosten in ein Altersheim mit dem Standard eines Viersternhotels. Doch Abri verhielt sich zunehmend kauzig: Statt sich endlich beim Schneider den ersehnten
Massanzug zu leisten, kaufte er sich spottbillige Hemden im Second-Hand-Shop. Und statt noch einmal richtig aufzublühen, gab er mit siebzig das über alles geliebte Autofahren auf.
Als er seinen Sohn drei Jahre vor seinem Tod in seiner Villa am Zürichberg besuchte, fragte er entgeistert: «Sag mal Roger, bist du jetzt ein Hochstapler?»
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