Exkursion in die Seelenwelt von André Picard, dem sein Alter ego Roger Schawinski keine Ruhe lässt

Jeden morgen muss er sich überlegen: Wen überfalle ich heute?

«Roger und ich, wir waren Brüder während der spanischen Inquisition», verrät André Picard am Steuer seines Geländewagens. Die schmale Strasse windet sich steil bergauf, kurz nach der Pension Alpenblick schaltet er einen Gang tiefer und fährt fort: «Damals musste ich mitansehen, wie unsere Mutter als Hexe verbrannt wurde. Anschliessend warfen sie auch den jüngeren Sohn Roger ins Feuer, und mich folterten sie auf grausamste Weise.»
Diese Erkenntnis verdanke er seiner medial begabten Freundin Erika Grazia Landert, die Autorin des Buches «Der feinstoffliche Krieg». (Roger Schwainski hat sie unlängst im Talktäglich zum Thema Exorzismus befragt.)
Endstation Anemonenweg, ein schmuckes Chalet mit blauen Fensterläden oberhalb von Amden mit Blick auf den Walensee. Auf dem Garagentor ist ein riesiges Auge aufgemalt. «Jeder, der im Leben den Überblick verloren hat, kann sich hier sattsehen!» Ebenfalls nicht zu übersehen ist die hellgelbe WC-Schüssel unter einem Baum, aus der eine dürre Christrose ragt. «Wer etwas zu entsorgen hat, kann es hier loswerden und sorgenfrei mein Haus betreten.»
Hierhin hat er sich vor vielen Jahren zurückgezogen, der 57jährige André Picard. Seine markanten Gesichtszüge und die kurzgeschorenen grauen Haare verraten den asketischen Sinnsucher. Was für ein Kontrast zu früher, als er noch der schwarzgelockte «TV-Sunnyboy» war! Der Liebling der Boulevardpresse arbeitete für Antenne, Rundschau und Tagesschau; war Mitbegründer des philosophischen Streitgesprächs vis-à-vis und moderierte zuletzt die Diskussionssendung Zischtigs-Club, die er zusammen mit Peter Schellenberg – seinem «grossen Lehrmeister» und dem jetzigen Fernsehdirektor – initiiert hatte.
Doch 1986, nach fast zwanzig Jahren beim Schweizer Fernsehen, verkündete der damals 44jährige wie ein Blitz aus heiterem Himmel seinen Ausstieg.
«Als Aushängeschild des Fernsehens weisst du plötzlich nicht mehr, wer du eigentlich bist und wem du gehörst – ob dir selbst oder der Öffentlichkeit», erklärt er. Äusserlich habe ihm niemand angesehen, was in ihm vorging. «Doch ich war geplagt von Selbstzweifeln und hatte oft während der Sendungen das Gefühl, innerlich abzustürzen.» Sein einziger Wunsch war, der kalten Scheinwelt und der Reizüberflutung zu entfliehen.
Auf dem Holztisch flackert eine rosarote Kerze, und das offene Fenster ist wie eine Postkarte aus der Ferienregion Heidiland. Hier oben auf der Alp will Picard in aller Stille sein bisheriges Leben studieren. «Ich wollte nie werden wie ich bin, daher machte ich mich auf auf die Suche nach mir selbst», philosophiert er. Das wäre nicht weiter von öffentlichem Interesse, kreuzte auf seinen Exkursionen in sein Innerstes nicht auf Schritt und Tritt ein prominenter Störenfried auf: Roger Schawinski.
In seinen frühsten Erinnerungen erscheint der Lockenkopf als Heisssporn im jüdischen Fussballklub Hakoah. «Auf dem Platz war sein ganzes Wesen auf einen Blick erkennbar», beschreibt Picard. «Wenn er als Mittelstürmer unfair gestoppt wurde, rappelte er sich blitzschnell auf und spurtete blindlings in Richtung gegnerisches Tor.» Er verfüge über einen inneren Kompass und wisse instinktiv, wo der Feind ist.»
Als anfangs Juni 1967 in Israel der Sechstagekrieg ausbrach, gehörte Schawinski zu den Unentwegten, die sofort alles stehen- und liegenliessen, um sich für die Front rekrutieren zu lassen. «Warum bleibe ich passiv, wenn mein Volk in Gefahr ist?» fragte er sich selbst, «ich bin doch auch ein bewusster Jude.»
Zum nächsten Zusammentreffen kam es 1969 beim Schweizer Fernsehen. Der erfahrene Live-Regisseur Picard wurde mit Volontär Schawinski für einen kleinen Rundschau-Filmbericht über die fragwürdige Werbeaktion eines Zürcher Juweliers auf die Piste geschickt. Reporter Schawinski hatte herausgefunden, dass ein reger Schwarzhandel mit Rabattkarten blühte.
Anstatt nun den Geschäftsführer und ein paar Passanten zu befragen, pflückte sich Schawinski mitten auf der Strasse einen kleinen Jungen heraus, der sich mit einem raren Sujet ein Sackgeld verdienen wollte. Ob er es richtig fände, sich auf diese Weise zu bereichern, herrschte er ihn vor laufender Kamera an.
Picard war entsetzt über die schonungslose Methode. «Du kannst doch nicht wegen ein paar Fränkli diesen armen Buben blossstellen», reklamierte er.
Trotz moralischer Bedenken konnte Picard seine Bewunderung für den Draufgänger nie verbergen. Gebannt verfolgte er seinen Wandel zum «Robin Hood der Konsumenten» mit dem Kassensturz, und es erstaunte ihn keineswegs, dass er es bei der SRG nicht lange aushielt. «Einer wie Roger ist als Einzelkämpfer und erklärter Anführer unterwegs», analysiert er, «das entspricht seiner Lebensaufgabe.»
Denn Roger sei ein reinkarnierter Krieger, ein zwanghafter, aber lustvoller Angreifer, der die Energie von anderen Desperados magisch anziehe. Dabei sei er nicht etwa ein hinterhältiger Meuchler, nein, er nahe stets mit offenem Visier. «Er ist eine Mischung aus Zorro, Batman und Iwan dem Schrecklichen!»
Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Einmal besuchten die zwei Seelen – ach! – die Vernissage des sizilianischen Malers Gaetano Tranchino, den sie bewundern. Dort riss sich Picard in einer seltsamen Anwandlung das düstere Gemälde mit dem sinkenden Dampfer unter den Nagel; nur noch der Bug ragt noch aus dem stürmischen Meer, daneben schwimmt ein Musiker und hält verzweifelt seine Geige in die Höhe. Schawinski ärgerte sich masslos, denn eigentlich war er ebenfalls an diesem Sujet interessiert. Eingeschnappt kaufte er ein anderes Werk: Es zeigt einen Bonvivant im Schaukelstuhl, sein Cello an einen Baum gelehnt.
Wochenlang marterte Schawinksi seinen Freund mit dem Vorwurf, ihm sein Lieblingsbild vor der Nase weggeschnappt zu haben – bis es Picard nicht mehr aushielt und das Bild eintauschte.
Das einzige, was Picard bis heute nicht versteht, sei «dieser abgrundtiefe Hass» zwischen Schawinski und Schellenberg. Ihm selbst stehen beide Menschen sehr nahe. «Schälli ist der Kapitän eines schwerfälligen Passagierdampfers, Schawi hingegen der ruchlose Pirat auf einem Kriegsschiff», vergleicht er. Und hart sei das Los des Seeräubers: «Weil er an und für sich keine Existenzberechtigung hat, muss er sich jeden Tag aufs Neue behaupten. Jeden Morgen muss er sich überlegen: Wen überfalle ich heute?»
Zugegeben, Schawinski sei zweifellos «eine der grossen Figuren des Landes im letzten Viertel dieses Jahrhunderts», räumt Picard ein. «Keiner versteht wie er die Kunst, seinen Überlebenskampf so authentisch zu inszenieren.» Damit gebe er allen Unterdrückten das Gefühl, dass es sich lohne, niemals aufzugeben. Aber auch Schellenberg sei «eine wunderbare Figur», zwar weder Pionier noch Bildschirmheld, «aber ein Philosoph und enorm politisch denkender Mensch mit hohem Verantwortungsbewusstsein, ein brillanter Denker und Vorbild an Weisheit».
Während der eine an gesellschaftlich relevanter Stelle inthronisiert sei, verfüge der andere über einen privaten Richtplatz mit seinem Talktäglich, das ihn an einen spätmittelalterlichen Dorfplatz erinnere. «Hier kann Roger seine Schauprozesse durchführen», sagt Picard, «und auf seinem Terrain gelten seine eigenen Regeln: Er allein bestimmt, was wahr ist und was nicht!» Das sei Balsam für einen, der sich permanent benachteiligt und ungerecht behandelt fühlt.
Hoch über dem Walensee schiebt sich die Sonne hinter die Bergkuppe, und Picard holt das Buch «Star Signs – die geheimen Botschaften des Universums» von Linda Goodman aus dem Regal.
«Welche Tragödie hat sich bloss in einem seiner früheren Leben abgespielt?» rätselt er. Man müsse sich nur einmal die Verkrampfung in seinem Gesicht ansehen und die hervortretende Halschlagader! Dazu komme dieses leichte Vibrieren in seiner Stimme und das kaskadenartige Hervorbrechen der Wortschwälle, wenn er sich Gehör verschaffen wolle. «Haben sie ihn am Strick aufgehängt? Wurde ihm die Kehle durchgeschnitten?»
«Um Roger zu verstehen, nutze ich jede verfügbare Quelle», sagt Picard beim Blättern, «ich gehe puzzleartig vor wie ein Kriminalinspektor.»
Einen Hinweis auf sein Schicksal liefert womöglich die Numerologie: R=2, O=7, G=3, E=5, R=2, S=3, C=3, H=5, A=1, W=6, I=1, N=5, S=3, K=2 und I=1, das ergibt zusammengezählt 49. – «Aha, der Einsiedler!» ruft Picard erfreut.
«Oft liegt eine geniale Begabung vor oder zumindest hohe Intelligenz», liest er vor. «Selbst in der Menge wird er sich oft einsam und isoliert fühlen.» Und weiter steht da: «Zu irgend einem unerwarteten Zeitpunkt im Leben kann es geschehen, dass die glitzernden Versprechen der Welt plötzlich abgelehnt und gegen den Frieden und die Ruhe der Natur eingetauscht werden.»
«Hmm!» – André Picard nimmt einen tiefen Zug an seiner Gauloise Corporal. Wenn er es sich so überlege, eigentlich würde es ihn überhaupt nicht wundern, wenn Roger plötzlich einen Strich unter allem ziehen etwas ganz Neues beginnen würde.
Diesen Prozess hat Picard längst hinter sich. Während Schawinski noch nach immer Höherem strebt, hat Picard für die neuste Ausgabe der Ammler Zitig das bescheidene Selbstverständnis der Dorfbewohner in Worte gefasst: «Mir sind ä chlini, eigni Wält und läbed eifach, gmüetlich und fründschaftlich. Mir sind stolz uf där Ort, wo mir wohned. (…) Wär zu üs chunnt, söll sich chöne erhole, söll d’Rueh und d’Sunne gnüsse und sälber törfe bestimme, was ihm guet tuet.»
In Amden ist André Picard der Medienstar.