Ein Putsch in der Karibik bringt Schawinski auf die Idee, einen eigenen Radiosender zu gründen

«Hey man, today we got a revolution!»

Mieser kann ein Morgen nicht beginnen. Kaum aufgestanden, fiel ihm der Weltempfänger in die Kloschüssel – das Abschiedsgeschenk von seiner Ex-Frau Priscilla. Abgeschnitten von den News dieser Erde spazierte er nach dem Frühstück durch St.-Georges, die unbedeutende Hauptstadt auf der entlegenen Muskatinsel Grenada in den Antillen. Nichts, aber auch gar nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag im Frühling 1979 sein Leben auf den Kopf stellen sollte.
Zuerst fielen ihm ein paar aufgekratzte Rasta-Guys auf, die auf einer Mauer einen Joint rauchten – und erstaunlicherweise waren einige von ihnen mit Pistolen bewaffnet.
«What’s happening, man?» fragte Schawinski einen der Männer.
«Hey man», antwortete dieser, «today we got a revolution!» Der verhasste Diktator Eric Gairy, der sein Volk mit brutalen Schlägertruppen in Angst und Schrecken versetzte, sei endlich besiegt.
Gegen Abend, so fand er heraus, gebe die neue Regierung die erste Pressekonferenz – und zwar im Studio von Radio Grenada.
Aufgeregt notierte Schawinski, der einzige ausländische Journalist vor Ort, das Unglaubliche: Eine Gruppe von linken Studenten, angeführt von Maurice Bishop, putschte das Terrorregime. Ausser ein paar Schusswechseln mit zwei bis drei Toten lief alles glimpflich ab.
«Wow, das ist ja ein Coup!» jubelte Schawinski, «das muss ich sofort dem Tages Anzeiger nach Zürich kabeln.» Schon lag der fertige Text vor ihm, als ihm bei einem kühlen Drink all die Schwierigkeiten in den Sinn kamen, die ihm diese Zeitung schon bereitet hatte. «Die haben immer negatives Zeug über mich geschrieben – beim Kassensturz und bei der Tat!» Beleidigt liess er es bleiben, und zwei Stunden später brach im ganzen Land die Kommunikation zusammen.
«Get up, stand up, fight for your rights!» – Auf dem Rückflug in die Schweiz hatte Schawinski diesen Reggae-Song von Bob Marley im Ohr, den Soundtrack seiner letzten Ferientage in der Karibik und die Hymne der Revoluzzer nach der Eroberung von Radio Grenada. Dabei hatte er nicht die geringste Ahnung, was er in der Schweiz machen würde. Doch seit jenen dramatischen Stunden war er im Innersten überzeugt, dass ihm im entscheidenden Augenblick eine tolle Idee zufallen werde.
Er schaute zum Fenster hinaus und sinnierte: «Eigentlich musst du nur gute Reden schwingen und lässige Musik spielen, und schon hast du das Volk auf deiner Seite…»

*

Zwei Tage später machte es Klick: «Ein eigenes Radio für Zürich, das ist es!» Soeben war ihm in der Neuen Zürcher Zeitung eine kurze Meldung ins Auge gestochen: Italien habe das Rundfunkmonopol abgeschafft, hiess es da, dadurch sei es möglich, drahtloses Radio zu verbreiten, was in der Schweiz gesetzlich verboten sei. «Dann gehe ich eben nach Italien und sende über die Grenze!» kombinierte Schawinski.
Zwar kannte der 34jährige kaum den Unterschied zwischen Mittelwelle und UKW. Aber es reizte ihn, mit einer eigenen Station gegen das verstaubte Schweizer Radio DRS anzutreten, das sich um die Vorlieben der jungen Hörer foutierte. «Diese Idee war damals so kühn, als würde einer sagen, ich will eine eigene Armee oder eine eigene Nationalbank», vergleicht Schawinski.
Ende der siebziger Jahre sorgten in der Schweiz selbsternannte Radiopiraten für Aufruhr im Äther. Mit selbstgebastelten Sendern besetzten sie aus dem Untergrund die Lücke, die auf dem UKW-Band zwischen 100 und 104 Megahertz von den PTT angeblich für «Kriegszeiten» freigehalten wurde. Während einige Amateure aus purer Abenteuerlust in die Illegalität abdrifteten (Radio Wällesittich, Radio Goodwave, Radio Hollywood), verbreiteten andere subversive Propaganda (Schwarzi Chatz, D’Wällehäxe, Bachtelkrähe). Gejagt wurden sie von Polizisten und PTT-Beamten mit hochsensiblen Peilgeräten – im Fall des AKW-feindlichen Senders Radio-aktiv-freies Gösgen sogar wie Terroristen mit zwei Helikoptern, Spürhunden und Dutzenden von Fahndungspatrouillen.
Den Ruf als hartnäckigster Kämpfer in der Piratenszene hatte sich Rolf Gautschi mit seinem Radio City – die Stimme Zürichs erworben. Der 33jährige Elektrotechniker verbreitete sein Programm aus dem obersten Stock eines Hochhauses im aargauischen Spreitenbach und finanzierte es als einziger mit Werbung. Mehrmals hob die Polizei seinen Sender aus, und Gautschi wurde zu Bussen, später sogar zu einer unbedingten Haftstrafe von sechs Wochen verurteilt. Noch mehr Angst als vor dem Gesetz hatte der Desperado allerdings vor Schawinskis angekündigtem Popsender. «Radio Schawinski ist zum Tode verurteilt», posaunte er, «wir haben die Mittel, um Schawinski fertig zu machen.»
Kurz zuvor hatte eine anonyme Aktion gegen Schweizer Privatsender im Ausland öffentlich dazu aufgerufen, Schawinskis «Kommerzwellen» mit Störsendern vom Himmel zu schiessen. Auf die Frage, wer ein Interesse an einem «Luftkampf» haben könnte, drohte Gautschi, schliesslich sei Schawinski als Konsumkritiker (mit der Fernsehsendung Kassensturz und der Boulevardzeitung Tat) gewissen einflussreichen Leuten empfindlich auf die Füsse getreten.
Als idealen Sendestandort für sein Radio 24 – das er zuerst Radio Nonstop nennen wollte – eruierte Schawinski den grenznahen Pizzo Groppera. Er selbst behauptet, er habe einfach die Seite mit den Umrissen der Schweiz aus dem Telefonbuch herausgerissen und darauf die kürzeste Distanz zwischen Zürich und der italienischen Grenze gesucht. «Rechts vom Tessin habe ich mit dem Kugelschreiber einen blauen Kreis gezeichnet, und der einzige Berg in dieser Gegend, der hoch genug war und über eine Bergbahn verfügte, war der Pizzo Groppera.»
Das allerdings hatte ein anderer schon viel früher herausgefunden: nämlich Radiopirat Peter Käppeli. Bereits am 2. Juni 1978 hatte er mit seinem Radio Atlantis Testsignale vom Pizzo Groppera in Richtung Zürich gefunkt. Zudem hatte er sich um eine italienische Sendekonzession bemüht und einen Vorvertrag mit dem Betreiber der Bergbahn abgeschlossen.
«Um diesen Käppeli komme ich beim besten Willen nicht herum», meinte Schawinski im Zürcher Restaurant Tre Fratelli zu Andreas Z’Graggen, damals Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins Bilanz, «ich muss wohl oder übel mit ihm zusammenarbeiten.» Z’Graggen weiss noch genau, was er seinem Freund antwortete: «Den brauchst du doch nicht», habe er Roger geraten, «du weisst ja jetzt, wo der Berg ist!» Besser, er mache alleine weiter, sonst habe sein waghalsiges Unternehmen erst recht keine Chance.
Das liess sich Schawinski nicht zweimal sagen. Auf der Suche nach einem Techniker stiess er auf Rudolf «James» Matter, einen ehemaligen SRG-Mitarbeiter, der – wie man ihm berichtete – bei den Flugzeugentführungen von Zerqua im Jahr 1970 als einziger in der Lage gewesen sei, die Funksprüche aus der jordanischen Wüste aufzufangen. Schawinski: «Er hatte genau die richtige Mischung aus Genialität und Wahnsinn – und vor allem glaubte er an das Unmögliche.»
Nach ein paar Tagen hielt ihm Matter einen Prospekt der amerikanischen Firma Collins unter die Nase und legte den Zeigefinger auf das Parademodell: «Ohne diesen 50-Kilowatt-Sender haben wir keine Chance!» Innert weniger Wochen installierten Arbeiter auf dem 2948 Meter hohen Pizzo Groppera den stärksten UKW-Sender Europas und stellten – sechs Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt – eine 3,5 Tonnen schwere Antenne auf. «Don’t stop till you get enough» – dieser Song von Michael Jackson schwirrte in der ersten Testsendung zum Horizont.
An einen Stopp war längst nicht mehr zu denken. Mit jedem Tag stiegen die Erwartungen, und mit jedem neuen Mitarbeiter wuchs Schawinskis Verantwortung. Um ein finanzielles Desaster abzuwenden, brauchte er dringend Investoren – doch niemand schien der Sache so richtig zu trauen. Als erster war Andreas Z’Graggen bereit, 25’000 Franken beizusteuern. Doch so schnell er zugesagt hatte, machte er einen Rückzieher: Max Frey, Chef des Jean-Frey-Verlags (Weltwoche, Bilanz, Sport, Annabelle, Züri Leu), stellte ihn vor die Wahl: Entweder steige er augenblicklich bei Schawinski aus – oder als Chef bei der Bilanz.
Der wahre Grund seiner Verärgerung war, dass er selbst von einem Radiosender träumte: Von Liechtenstein aus wollte Frey nach Zürich strahlen, doch als renommierter Verleger scheute er den Schritt in die Grauzone der Legalität. «Frey war so tief beleidigt, dass er in seinen Zeitschriften eine Zeitlang verbot, über Radio 24 zu berichten und den Namen Schawinski auch nur zu erwähnen», sagt Jürg Ramspeck, seinerzeit Züri-Leu-Chefredaktor.
In der Not erinnerte sich Schawinski an einen alten Freund. Hatte nicht einmal Journalist Walter Bretscher etwas von diesem steinreichen Bonvivant erzählt, der beim Jazzfestival in Montreux den ominösen schwarzen Ferrari für Miles Davis besorgt hatte? Tatsächlich: Beim Skifahren in Zermatt war Bretscher mit einem Deutschen ins Gespräch gekommen, und dieser hatte ihm zum Abschied zugeraunt: «Wenn Du von einem guten Geschäft hörst, ruf mich einfach an!»
«Kein Problem», sagte Bretscher jetzt am Telefon, «ich bringe Euch nächste Woche zusammen.»
Sie trafen sich im Zürcher Restaurant Kronenhalle, und Bernd Grohe, so hiess der Industriellensohn mit Wohnsitz am Genfersee, war sofort Feuer und Flamme für Schawinskis verrückte Idee.
Noch am gleichen Abend telefonierte Grohe seiner Schwägerin Ina. Er habe soeben eine Million Franken in das Radioprojekt eines verrückten Zürchers investiert!