Als Chefredaktor der Tat versucht Schawinski, eine Boulevardzeitung ohne Sex an Crime zu etablieren

Rumpelstielzchens Regentanz und die zitternden Gnomen

Der am Bildschirm stets so souverän strahlende «Mister Kassensturz» stand in Wirklichkeit von allen Seiten unter Druck: Einerseits mokierten sich ehemalige Mitarbeiter jetzt auch öffentlich über das autoritäre Auftreten ihres Ex-Chefs; andererseits fühlte sich Schawinski im «Fall Stanley Adams» (der Basler Pharmakonzern Hoffmann-La Roche hatte den Kassensturz wegen eines Berichts über einen indiskreten Prokuristen beim Bundesrat eingeklagt) von der SRG-Spitze nur halbherzig unterstützt.
Auf einmal klingelte sein Telefon. Am Apparat war der neue Migros-Boss Pierre Arnold, den er ein paar Tage zuvor als Interview-Gast für seine geplante Sendung Unter uns gesagt angefragt hatte. Doch Arnold schwebte etwas ganz anderes vor.
«Wollen Sie Chefredaktor der Tat werden?» fragte er ohne Umschweife.
«Aber ich…» stockte Schawinski, «ich habe nur einmal als Volontär während der Semesterferien bei der Neuen Presse gearbeitet. Ich weiss doch kaum, wie man eine Zeitung macht.»
Arnold erklärte, bei der Tat müsse dringend etwas Revolutionäres geschehen. Er habe gehört, Schawinski sei ein frecher und vor allem sehr erfolgsorientierter Typ. Genau der Richtige also für die Zeitung, die 1939 vom legendären Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (1888–1962) als Kampfblatt ins Leben gerufen wurde, und die unterdessen mit jährlich 6 Millionen Franken Verlust und einer Auflage nicht einmal mehr 30 000 Exemplaren ums Überleben kämpfe. Als Arnold einen Lohn von jährlich 120’000 Franken in Aussicht stellte, fiel Schawinski beinahe der Hörer aus der Hand – beim Kassensturz verdiente er gerade etwa die Hälfte. Trotzdem verlangte er eine Bedenkfrist.
«Okay», pokerte Schawinski ein paar Tage später im Büro des Migros-Managers am Zürcher Limmatplatz, «aber zur Sicherheit will ich einen Dreijahresvertrag.» Ausserdem brauche er völlige redaktionelle Unabhängigkeit.
Der Romand, eine graue Eminenz mit der Ausstrahlung eines Bundesrats, streckte dem schwarzgelockten Draufgänger die Hand entgegen. In seiner Euphorie rief Schawinski: «Monsieur Arnold, ich mache aus Ihnen einen zweiten Duttweiler!»
Dieser Gedanke schien ihm zu behagen. In seinem «Brief an die Genossenschafter» im Brückenbauer prahlte Arnold, die erneuerte Tat werde einschlagen wie «eine wahre Bombe auf dem deutschschweizerischen Zeitungsmarkt». Dank Schawinski sei die Zukunft des Blattes «originell, ansteckend, frisch und angriffig, unterhaltend und amüsant, informativ und hilfreich.» Und farbig. Darum kaufte er in Spreitenbach überstürzt eine neue Druckerei und installierte die modernste Rollenoffsetmaschine – neckisch «Dutticolor» genannt.
Mit einem Inserat («Die Chance des Jahres!») wurden am 17. Oktober 1976 «Journalisten, Redaktoren, Reporter, Pressefotografen und Layouter» gesucht. Innert drei Wochen sichtete Schawinski 200 Bewerbungen; aufgrund der zweifelhaften Prognosen (es hiess, das Experiment werde innert Jahresfrist von der Migros abgeblasen, falls die Auflage 80’000 Exemplare nicht erreiche) meldeten sich vor allem jüngere Journalisten, die trotz bescheidener Löhne beim «heissesten Zeitungsabenteuer des Jahrhunderts» – so Schawinski scherzhaft – dabei sein wollten.
In weniger als einem halben Jahr stampfte das Team eine «gehobene Boulevardzeitung» aus dem Boden, die dem anrüchigen Revolverblatt Blick den Rang ablaufen sollte. Im März 1977 schrien es die Lettern von den Plakatwänden: «Ihr Monopolisten, ihr Profiteure, ihr Spekulanten, ihr Scharlatane, ihr Bauernfänger – ab 4. April werdet ihr auf frischer Tat ertappt!»
Nach vier Wochen erklärte Schawinski den neuen Lesern unbescheiden: «Wenn einmal die demokratischen Spielregeln verletzt werden, dann schreiben wir das ganz gross in unserer Zeitung. Weil wir die Demokratie ernst nehmen.»
Doch die Frage war: Wie schafft man Kaufanreize ohne Sex and Crime? Die Debütanten versuchten es mit einer aufgemotzten Geschichte über einen Mirage-Absturz bei Payerne. Legendär ist die Schlagzeile, die bei Champagner und Salzgebäck an der Premierenfeier über die Druckwalzen rotierte: «Schaut wie schön wir fliegen – Bumm!» Dazu passte, dass nach einer nächtlichen Serie von Papierrissen beinahe die termingerechte Auslieferung der ersten Tat verhindert worden wäre.
Ein anderes Mal versuchten die Journalisten, die Sensationsgier mit der Zeile «Papst befahl: Schwery, Sie sind Bischof!» anzustacheln. (Dabei ging es um die Neuwahl des Sittener Bischofs Heinrich Schwery – doch der beabsichtigte Gag war, dass einem zuerst Denner-Boss Karl Schweri in den Sinn kam…)
Am zehnten Tag, Schawinskis Leute hatten sich die Finger schon fast wundgesaugt, flatterte ein Communiqué der Schweizerische Kreditanstalt SKA herein. In der Filiale Chiasso seien «erhebliche Verluste» entstanden, hiess es trocken.
Reflexartig griffen Roger Schawinski und Nachrichtenredaktor Hanspeter Bürgin zum Telefonhörer. Spät am Abend – für damalige journalistische Gepflogenheiten eine absolute Frechheit! – riefen sie den SKA-Generaldirektoren Heinz Wuffli zuhause an und fanden heraus, dass bei einem Risikogeschäft mit einem ausländischen Kunden ein beispielloser Schaden von einer Viertelmilliarde Franken entstanden sei. Während sich am nächsten Tag die anderen Zeitungen mit der mageren Agenturmeldung begnügten, trumpfte die Tat mit dem Knüller auf: «Millionenskandal bei der Kreditanstalt!»
Wie zwei ausgehungerte Pitbull-Terriers verbissen sich Schawinski/Bürgin in ihre Story und bald wurde das grösste Schweizer Bankendebakel aller Zeiten zum exklusiven Wirtschaftskrimi der Tat – den Schawinski mit dem Markenzeichen «SKAndal» perfekt zu vermarkten wusste (z.B. «SKAndal weitet sich aus» oder «SKAndal: Jetzt zittern die Gnomen»). Ähnlich wie bei der Watergate-Affäre um Richard Nixon spielten ihnen Insider Indiskretionen zu – und sogar eine Deep-throat meldete sich, eine bis heute anonyme Stimme aus dem Nichts, um gelegentlich die neusten Gerüchte zu verneinen oder zu bestätigen. Auf dem Höhepunkt der Affäre berichtete Schawinski unwidersprochen über Schweigegelder für Kaderangestellte, ausschweifende Partys, Ausflüge ins Spielcasino von Venedig und Prostituierte für die Revisoren des Hauptsitzes.
«Recherchierjournalismus statt Hofberichterstattung» – so lautete sein Credo. Doch durch den aggressiven Stil der Blattmacher geriet das Migros-Management bei seinen Wirtschaftspartnern zunehmend unter Beschuss. An den Montagssitzungen des «Departements Arnold» traten die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Redaktion und Verlag zutage. Immer vehementer wurde Schawinski von den «grauen Mäusen» im Bürohochhaus (nur mit dem Nonkonformisten Hans A. Pestalozzi, damals Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, fühlte er sich seelenverwandt) aufgefordert, mit seiner «SKAndalzeitung» einen gemässigteren Kurs einzuschlagen. Noch einmal stellte sich die Migros-Verwaltung auf Drängen von Pierre Arnold hinter Schawinskis Team – immerhin war die tägliche Auflage der Tat bereits auf 67’000 Exemplare geklettert.
«Tat lebt!» hiess es tags darauf, am 3. Dezember 1977, auf den orangefarbenen Aushangplakaten, und auf der Redaktion knallten die Sektkorken.
Nur der Chefredaktor übte er sich in Zurückhaltung – schliesslich lastete auf seinen Schultern die volle Verantwortung für die Zukunft der Zeitung. Zudem war er felsenfest entschlossen, auf der Redaktion seine Autorität zu wahren. Er wollte nicht den Fehler aus Kassensturz-Zeiten wiederholen, wo er vor lauter Kumpanei mit seinen Leuten jeglichen Respekt verspielte und sich zuletzt nicht mehr durchsetzen konnte. Konsequent verkehrte er jetzt mit allen per Sie und reduzierte private Kontakte auf ein absolutes Minimum.
Doch eines Tages platzten ein paar übermütige Kollegen ins Chefbüro.
«Herr Schawinski, was halten Sie von einer Duzis-Kampagne?» fing Hannes Heldstab an. Der Basler Professor Hans Trümpy von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde habe nämlich herausgefunden, dass auch in der Schweiz die «Sie-Schranken» am Abbröckeln seien.
Schawinski war sofort begeistert. «Tolle Idee, das kann ein Hit werden», antwortete er, «machen Sie ein Konzept!»
«Super, Roger!» rief Heldstab, «ich bin übrigens der Hannes!»
Bald löste die Aktion «Säg doch du» in der ganzen Schweiz ein Riesenecho aus. In Restaurants wurden «Duzis-Drinks» serviert, in Discos feierte man «Duzis-Partys», und das Duo Felix + Felix komponierte einen lüpfigen Duzis-Song («Chum säg doch Du»).
Angenehmer Nebeneffekt für Schawinski: Endlich konnte er seine Freundin auch im Büro duzen – bis anhin hatte er sich nämlich in den Kopf gesetzt, die Affäre mit Rita Schwarzer vom Kulturressort geheim zu halten.
Im Interesse der Zeitung setzte sich Schawinski im Frühling 1978 für die Herausgabe einer Sonntagszeitung ein, der Sonn-Tat. Damit wollte er dem Ringier-Verlag zuvorkommen, der mit dem Blick ähnliche Pläne hegte. Doch statt auf Euphorie stiess er auf den erbitterten Widerstand seiner Mitarbeiter, die fast alle in der «Betriebsgruppe Tat» gewerkschaftlich organisiert waren. Mit einer Unterschriftenaktion sträubten sie sich gegen jeglichen Mehraufwand und warnten vor unseriösen Schnellschüssen mit «Provinz- und Gartenlauben-Niveau».
«Stillstand ist der Tod», warnte Schawinski, doch dann musste er deprimiert einsehen, dass er – «eingequetscht im Sandwich zwischen Redaktion und Migros» – nicht über genügend Macht verfügte, um seine Ideen durchzusetzen. Noch heute ist er überzeugt, dass die Sonn-Tat eine verpasste Riesenchance war. «Die Entwicklung hat mir recht gegeben: Der Sonntagsblick und später die Sonntagszeitung sind ein voller Erfolg geworden.»
Wenigstens standen die Leser voll hinter ihm. «Bitte bleibt weiterhin einig und hart in diesem Kampf gegen diejenigen kleinkariert-profitorientierten Kräfte, die Roger Schawinski und die Tat absägen wollen», schrieb P. Kunz aus Melligen; und für K. Meier aus Buochs kämpfte Schawinski «im Sinne von Gottlieb Duttweiler für eine verbraucherorientierte Wirtschaft gegen die kapitalorientierte Gesellschaft».
Doch mit Bekanntwerden des Millionendefizits stand auf einmal das angestrebte Dutti-Image des umjubelten Starmanagers Pierre Arnold auf dem Spiel. Beunruhigt setzte er eine Kommission ein und stellte das Weiterbestehen der Tat in Frage.
«Schawinskis Tage sind gezählt», titelte ahnungsvoll der Tages Anzeiger. Tags darauf, am 12. Juli 1978, kam es zur Krisensitzung im fünften Stock des berüchtigten «grauen Hauses» am Limmatplatz. Was dabei besprochen wurde, geht aus den handgeschriebenen Notizen von Roger Schawinski hervor:
Arnold: ’ Aprilabschluss katastrophal.
Einnahmen ungenügend!
(…)
Hug: erinnert an die Gründung der TAT
Schawinski hat die TAT auf die Beine gestellt
’ in schwierigen Zeiten
(…)
am 2. Dez. wurden Verbesserungen verlangt:
’ weniger aggressiv
’ mehr seriös
’ mehr Konstanz
gegen Liquidation: Sozialprobleme, moralischer Verlust
Aufgabe wäre ein Verrat an Migros-Idealen und am Personal!
(…)
Weber: ’ Freude am Negativen.
Bewusste einseitige Darstellung von Tatsachen
Überheblichkeit
Kyburz: TAT konsumentenfreundlich?
Abstimmungskarten: 20% nahmen zur TAT Stellung
4% positiv, alle anderen negativ,
katastrophal, vernichtend!
Die Konsumenten wollen die TAT nicht!
Frick: Front gegen Boulevardblatt in den Genossenschafts-Räten
aggressiv – Attacken ’ das wollen die Delegierten nicht!
Arnold: – Redaktion verbessern, Artikel verbessern
Hug: Verhalten der Redaktion überheblich
Arnold: Auswechseln des Chefredaktors!
Schawi: – Ich verlasse meinen Posten ’ ohne Drama
Arnold: ’ nimmt davon Kenntnis!
«Schawinski entlassen!» prangte es zwei Wochen später, am 26. Juli 1978, auf der Titelseite. Wie ein Nachruf klingt Pierre Arnolds «Dank an Roger Schawinski»: «Er hat der Tat durch seine Intelligenz, seinen Wagemut und sein persönliches Profil ein unverwechselbares Gesicht gegeben. In unserer Erinnerung bleibt er als Realisator neuer Ideen lebendig, engagiert, spontan und mutig.»
In seinem sentimentalen Abschiedsbrief bedankt sich Schawinski bei den 230’000 Lesern: «Sie haben mit ihren 50 Rappen dieser Redaktion Tag für Tag Ihr Vertrauen ausgesprochen. Ich bin traurig, dass ich von heute an nicht mehr für sie arbeiten soll.» Wenn auch die Tat für die Öffentlichkeit «bloss ein Experiment» gewesen sei, «für mich war sie eine Lebensaufgabe.»
Zusammen mit seinen empärten Kollegen brachte Schawinski als Strassenverkäufer die druckfrische Hiobsbotschaft persönlich unter die Leute. Anschliessend räumte er die meterhoch aufgestapelten Tat-Ausgaben von seinem Schreibtisch, und am nächsten Wochenende lud er das ganze Team zur Abschiedsparty bei sich zuhause ein.
Gegen Mitternacht warf er sämtliche Zeitungen im Garten auf einem Haufen und zündete ihn an. Wie Rumpelstielzchen tanzte er im Tat-T-Shirt um das Feuer und schmetterte – weil ihn die Migros so so schnöde in den Regen gestellt hatte – «I’m singing in the rain».
Die Zeitungsverbrennung sei für ihn «ein Akt der Reinigung» gewesen, sagt Schawinski heute, «ich musste loslassen und abschliessen!»
Für die Kollegen auf der Redaktion ging die Krise erst richtig los. Ungefragt setzte ihnen die Migros einen neuen Chefredaktor vor die Nase: Karl Vögeli. – Am 22. September traten 56 von 61 Redaktoren in einen unbefristeten Streik. – Tags darauf wurden sie fristlos entlassen. – Am 25. September gab Pierre Arnold die Einstellung der Tat bekannt. – Die Geschassten protestierten mit der Kampfzeitung Wut.
Hannes Heldstab, unterdessen Blick-Reporter, hat Schawinskis Besuch am Streikposten nicht vergessen. «Er legte ein Hunderternötli in die Kasse», erzählt er, «das fanden wir ziemlich schäbig.»
Mit den ausbezahlten 170’000 Franken («damit war ich für meine damaligen Begriffe plötzlich ein reicher Mann») verreiste Schawinski mit seiner Freundin Rita Schwarzer und seiner Schreibmaschine ein halbes Jahr in die Karibik. Unter Palmen verarbeitete er seine jüngsten Erfahrungen. Ein Schlüsselroman sollte es werden mit dem Titel «Kein Blatt vorm Mund».
Doch bis heute hält Schawinski sein Manuskript eisern unter Verschluss – und die damals so quirlige Rita Schwarzer sagt kein Wort mehr.