Über Nacht wird Roger Schawinski als «Mister Kassensturz» zur nationalen Berühmtheit
Die seltsamen Schlingpflanzen des frischgeschlüpften Paradiesvogels
Auf einer weltberühmten Fotografie ist der junge Bill Clinton zu sehen, wie er dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy die Hand schüttelt. In diesem Moment habe er sich für die Politik
entschieden, behauptete er später immer wieder.
Ein ähnlich schicksalhaftes Bild erschien im August 1969 in der Michigan Daily. Es zeigt den 24jährigen Schweizer Studenten Roger Schawinski im Gespräch mit Ralph Nader. Nader, der 35jährige Anwalt
und Sohn eines libanesischen Einwanderers, war damals auf dem Gipfel seines Erfolgs: Als erster prominenter Konsumentenschützer hatte er das profitgierige System angeprangert und gegen die
Produzenten von ekelerregenden Würsten, brennbaren Teddybären und wirkungslosen Zahncremes gekämpft. In seinem Buch «Unsafe at any speed» wies er konstruktionsbedingte Sicherheitsmängel bei Autos von
General Motors nach. Jahrelang wurde er deswegen von der mächtigsten Autofirma der Welt bespitzelt, verleumdet und bedroht, doch Nader – respektvoll als «gefährlichster Mann Amerikas» und «Märtyrer
für 200 Millionen» bezeichnet – bewies wie niemand vor ihm, dass ein Einzelner gegen einen Giganten nicht machtlos ist.
«Wenn es je einen Kampf zwischen David und Goliath gegeben hat», applaudierte die Weltwoche in einem Porträt, «dann diesen»!
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Keine Sekunde lang zögerte Schawinski, als Ende 1973 beim Schweizer Fernsehen Ideen für eine 20minütige Wirtschaftssendung im Vorabendprogramm gefragt waren. Innert kürzester Zeit legte er dem
Ressortchef Ueli Götz ein fixfertiges Konzept für ein konsumkritisches Magazin auf den Tisch. «Etwas Heisses, Mutiges, Noch-Nie-Dagewesenes» schwebe ihm vor, zum Publikum gehörten alle, die bereits
beim Wort «Wirtschaft» zusammenzuckten.
Schawinski sah es als seine Aufgabe, «eine breite Öffentlichkeit durch den Dschungel der modernen Marktwirtschaft» zu führen und «auf seltsame Gewächse und Schlingpflanzen» aufmerksam zu machen. Ohne
Fachchinesisch und ohne erhobenen Zeigefinger wolle er gegen den grassierenden Konsumterror ankämpfen, sich wehren gegen die Wegwerf- und Verschwendungsgesellschaft. Wichtig war ihm – so hatte er es
in den USA gelernt – die Funktion des whistle blowing: Wer von einem Missstand weiss, ist dazu verpflichtet, mit der Alarmpfeife loszutrillern und die anderen zu warnen.
Lange suchte er nach einem passenden Namen. Sollte die Sendung Saldo heissen? Bilanz? Oder sogar volkstümlich ’s Portemonnaie? Schawinski entschied sich für die einprägsame Variante Kassensturz –
auch wenn er sie anfänglich für einen Zungenbrecher hielt. Im Studio des Trickfilmers Peter Harrer liess er eigenhändig eine Handvoll Münzen auf eine Metallfolie regnen: In Zeitlupe abgespielt und
von elektronischem Glucksen begleitet sollte diese Sequenz zum legendären Erkennungszeichen für eine ganze Fernsehgeneration werden.
Nur ein Laienschauspieler für die auflockernden Spielszenen mit «Gottfried Kassensturz» fehlte ihm jetzt noch. Für diese Rolle wäre doch der Chefarchivar mit dem originellen Gesicht ideal, überlegte
Schawinski, und kurz darauf engagierte er Paul Früh. Seinen 21jährigen Mitarbeiter, der zwischen den Regalen staubige Filmrollen sortierte, übersah er prompt. Sein Name war Giacobbo, Viktor
Giacobbo…
Mit Effekten, die an Monty Phyton’s Fliegenden Zirkus erinnerten, weckte der Kassensturz bei den Schweizern das Interesse an Mogelpackungen, Heiratsannoncen und dem Kleingedruckten in Verträgen. Ab
dem 4. Januar 1974 wollten auf einmal alle wissen, ob Waschmittel weisser als weiss waschen können und welche Schweinereien ans Licht kommen, wenn man im Labor ein Ravioli aus der Büchse seziert. Und
als in einem Beitrag über Mineralwasser die Kamera vom Schriftzug HENNIEZ zum NIE zommte, gab es erstmals ein gerichtliches Nachspiel – gefolgt vom ersten Freispruch.
Mit über einer Million Zuschauer schaffte die Informationssendung «für Konsum, Geld und Arbeit» nach nur einem Jahr den Sprung ins Hauptabendprogramm. Was es bedeutet, im Rampenlicht zu stehen, wurde
Schawinski bewusst, als er eines Morgens den Blick aufschlug: In Originalgrösse war hier die Augenpartie seiner puertoricanischen Gattin Priscilla abgebildet, und daneben las er: «Kassensturz-Boss
Dr. Schawinski ist unbestechlich, aber… Diese Augen machen den Profi-Kritiker schwach.»
Noch etwas hilflos reagierte der Shooting-star auf seine Prominenz. Dem Tele-Journalisten, der ihm vorhielt, er sei «zweifellos im Begriff, ein sehr populärer Mann» zu werden, entgegnete er
ausweichend: «Das glaube ich nicht, aber selbst, wenn es so wäre: Darum geht es mir wirklich nicht. Wir machen keine Personality Show.» Alle in seinem fünfköpfigen Team seien gleichberechtigt,
Mitbestimmung werde grossgeschrieben, jeder Themenvorschlag müsse einstimmig angenommen werden.
Schnell zeigten sich die Schattenseiten des Erfolgs. Kaum tauchte der frischgeschlüpfte Paradiesvogel in der Kantine auf, verstummten an den Tischen die Gespräche. Dass plötzlich ein einzelner so
viel Aufsehen auf sich zog, und noch dazu ein Emporkömmling ohne jahrzehntelange Erfahrung, passte vielen nicht in den Kram. «Ein Geist der Gleichheit wehte am Leutschenbach», erinnert sich Matyas
Gödrös, damals Filmemacher, «wer herausragte, galt gleichsam als asozial und war somit suspekt.»
Besonders heftig war die Ablehnung einen Stock weiter oben, bei der Antenne. Dort scharte man sich um den schlaksigen Peter Schellenberg, eine moralische Instanz, wenn es darum ging,
gesellschaftsrelevante Inhalte zu vermitteln. Der neue Stil war ihnen nicht geheuer, und niemals liessen Schellenberg und seine Getreuen sich von hohen Einschaltquoten blenden!
So sehr sich Schawinski mühte, als jovialer Chef ohne Starallüren durchzugehen: Zum ersten Wolkenbruch kam es nach nur zwei Monaten am Ski-Weekend in Andermatt. An einem grauen, nebelverhangenen Tag
holten seine vier Kollegen im holzgeschnitzten Stübli der Pension zum Frontalangriff aus: Er wisse immer alles besser, mische sich überall rein, spiele mit verdeckten Karten, sei nicht fair… – die
Vorwürfe nahmen kein Ende.
Roger rede immer nur von «Heulern» und «Strassenfegern», empörte sich «Kropfleeret»-Initiator Walter Rüegg (heute Programmdirektor bei Radio DRS), «ich habe die Nase voll von diesem
marktschreierischen Getue, dieser Effekthascherei!» Einen «fertigen Gugus» finde er, dass Schawinski spontan eine Sekretärin mit 10’000 Franken Bargeld losschickte, um sich in drei verschiedenen
Bankfilialen beraten zu lassen. Er stelle sich seriöse Wirtschaftsgeschichten vor, zum Beispiel über den sinkenden Dollarkurs oder die steigenden Hypothekarzinsen.
Marianne Pletscher ging das «anwaltschaftliche, aufklärerische Gehabe» auf die Nerven. Ihr tue der Whiskas-Verantwortliche leid, der vor laufender Kamera Katzenfutter fressen musste, nur weil er
behauptete, es sei auch für Menschen ein Genuss. «Wir haben zwar vordergründig immer recht, aber wenn man es genauer anschaut, ist unser Schwarzweiss-Schema doch ziemlich undifferenziert», hakte sie
nach. Statt Gags am Laufmeter vermisse sie objektive Berichte über Ausbeutung am Arbeitsplatz, Betriebsschliessungen, Streiks.
«Natürlich war es ein Drama, mit dem Chef einen solch grausamen Krach zu haben», beteuert Pletscher, die einen Monat später kündigte und bis zum 20-Jahr-Jubiläum kein Wort mehr mit ihrem Ex-Chef
wechselte. «Er war halt seiner Zeit voraus», räumt sie ein. Schawinski sei abgegangen «wie eine Rakete», aber das Menschliche sei dabei auf der Strecke geblieben.
Geknickt spielte Schawinski bereits mit dem Gedanken, alles hinzuschmeissen und zurückzutreten. «Ich habe als Chef versagt, bin weder glaubwürdig noch überzeugend», wehklagte er, tief in seinem Stolz
verletzt. Doch in der Hektik des Alltags richtete er sich rasch wieder auf. «Ich war wahrscheinlich unglaublich penetrant», gesteht er rückblickend, «doch ganz ehrlich gesagt: Ich hatte immer das
Gefühl, ich spüre besser, wie man richtiges Fernsehen macht!»
Dieser Meinung war zum Beispiel auch Leserbriefschreiber H. P. aus Basel, der im Blick vom 2. Juni 1976 ein- für allemal festhielt: «Wenn die Kassensturz-Sendung sterben sollte, hat der Schweizer
überhaupt niemanden mehr, der sich für ihn wehrt!»
«So ist Roger quasi heute / Rächer der betrog’nen Leute / also in gewissem Masse / Robin Hood der Fernsehstrasse», reimte Tele-Mitarbeiter Kurt Hüsler in einem seiner Fernsehverse.
Schawinski, der sich nicht selten selbst zu den Betrogenen zählt, blieb nur die Flucht nach vorne. Wild entschlossen eröffnete er sich neue Betätigungsfelder: Mit Kassensturz-Extra erschuf er das
erste Forum, in dem kontroverse Themen vor Studiopublikum diskutiert werden konnten (vgl. heute Arena); mit Unter uns gesagt begründete er die Gesprächssendung, in der er später selbst einmal als
Stargast auftreten sollte; mit Limit konzipierte er eine Talkshow, in der statt Promis für einmal Aussenseiter («Dirnen, Penner, Säufer, Zuhälter, Drögeler, Neonazis usw.») mit harten Fragen
drangenommen werden sollten, und in der – so Schawinski damaliger Vorschlag – sich die Zuschauer direkt per Telefon einschalten sollten (vgl. heute Talktäglich); und quasi nebenbei schrieb er das
Kassensturz-Büchlein zur Fernsehsendung – für den Kritiker der Werbe-Woche ein willkommener Anlass, endlich (stellvertretend für die gebeutelte PR- und Reklamebranche) über diesen «Ralph Nader im
Sennenkappen-Look» herzuziehen: «Kassensturz-Polemiker Dr. Roger Schawinski vom Schweizer Fernsehen kann es nicht nur visuell-verbal», giftelte er, «ihm steht der Sinn nach Verewigung!»
Keine Anerkennung hatte er übrig für Schawinskis Versprechen im Vorwort, er werde einen Teil des Autorenhonorars an eine gemeinnützige Organisation spenden. Tatsächlich zahlte Schawinski am 20.
Februar 1976 – gemäss Empfangsschein – 600 Franken auf das Postscheckkonto der Glückskette Guatemala ein.
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