Priscilla Colon (Schawinskis erste Ehefrau) hat sich das Leben mit ihrem Auserwählten ein bisschen romantischer vorgestellt

Parfümierte Liebesbriefe im Abfallkübel

Schon am zweiten Tag war ihr der dunkelhaarige Krauskopf aufgefallen. Er sah rebellisch aus mit seinen wachen Augen und den Koteletten an den Schläfen.
«Das ist sicher ein Spanier», tuschelte die knapp 19jährige Studentin Priscilla Elaine Colon zu ihren Kolleginnen Ethel und Maria. In der Pause kam er auf die drei Mädchen zu und wollte wissen, wo sie herkämen.
«Aus Puerto Rico.»
«Puerto Rico? Wie gerne würde ich dieses Land kennenlernen!» schwärmte er. Er komme aus der Schweiz und sei ganz alleine hier.
Das war 1968, an der Universität Central Michigan.
«Ja, die Zeit mit Roger», seufzt Priscilla und nimmt einen Schluck Rotwein. Mit Holger, ihrem zweiten Mann, wohnt die unterdessen 49jährige Mutter von zwei Kindern in der Nähe von Frankfurt, in einem grossen Haus mit Aussicht auf Rapsfelder. Seit fünf Jahren arbeitet sie bei einer Musikfirma; als Promotionsleiterin hat sie die Boygroup «Caught in the act» auf ihrem Weg in die Hitparaden betreut.
«Ausgerechnet ins Showbusiness hat es mich verschlagen!» lacht sie und zeigt auf die goldenen Schallplatten an der Wand. Dabei habe sie damals unbedingt Sozialarbeiterin in New York werden wollen, darum habe sie sich an ihrer Uni in San Juan für das Austauschjahr in Amerika angemeldet.
Bald sahen sich Priscilla und Roger täglich. Als sie zusammen an einer Studentendemonstration gegen den Vietnamkrieg teilnahmen, sagte Roger plötzlich: «Ich will auch reden!» – und schon stand er auf dem Podest und hielt eine feurige Rede gegen Gewalt und Rassismus. Priscilla war beeindruckt von seinem Mut, und sie schmolz dahin, als er am Uni-Radio in seiner Sendung Love French Style auf französisch Chansons von Edith Piaf, Georges Brassens und Gilbert Bécaud ansagte. Von einem so phantasievollen und verrückten Märchenprinzen wie Roger hatte Priscilla immer geträumt – und nicht wie die meisten ihrer Freundinnen von einem reichen Playboy.
Was sie bedrückte, war, dass Roger in der Schweiz eine Freundin hatte. Sie hiess Rachel, und Roger zeigte ihr Ferienfotos. Bald werde sie ihn besuchen, freute er sich, und als sie Schokolade schickte, teilte er sie mit Priscilla. Doch eines Tages schrieb Rachel, sie werde nicht nach Michigan kommen, lieber lege sie das Geld für das Hochzeitsfest beiseite.
«Roger war wahnsinnig enttäuscht», erinnert sich Priscilla. Ein paar Tage später habe er ihr das Büchlein «Le Petit Prince» von Antoine de Saint-Exupéry geschenkt – mit einer Widmung «für Pepsi», wie er sie unterdessen zärtlich nannte.
Sie kannten sich ungefähr einen Monat, als er plötzlich ganz ernst geworden sei. Er müsse ihr etwas ganz Wichtiges sagen, begann er geheimnisvoll. Nach langem Zögern rückte er es heraus: «Ich bin Jude.»
«Na und?» entgegnete Priscilla. Offensichtlich habe er eine bestimmte Reaktion erwartet, «doch ich verstand nicht, worauf er hinauswollte.»
Priscillas Herz war längst gebrochen. Im stillen Kämmerlein flennte sie oft stundenlang aus Liebeskummer, und einmal schluckte sie ein Röhrchen Kräuterpillen auf einmal herunter, um sich zu beruhigen. Warum hatte sie sich bloss auf ein Abenteuer mit ihm eingelassen? Roger war ja in festen Händen.
Doch Roger wusste, wie man sein Süppchen am Brodeln hält. So küsste er Priscilla zum Abschied im Wohntrakt der Studentinnen, was gemäss Hausordnung – unter dem Paragraphen «Public show of affection» – strengstens verboten war. (Zur Strafe musste sie drei Abende lang im Kellerzimmer unter Aufsicht Hausaufgaben erledigen.) Und einmal stritten sie heftig, nachdem sich Priscilla mit einem chilenischen Studenten getroffen hatte. Und als sie sich zur Abwechslung von einem syrischen Professor ausführen liess, wartete Roger mit einem Transparent auf ihre Rückkehr, auf dem in grossen Buchstaben stand: «Armer Student fordert Gleichberechtigung.»
Rasch ging das Jahr an der Universität Central Michigan dem Ende zu; und Priscillas grösste Sorge war die Schlussarbeit: Sie musste über das Verhalten einer weissen Versuchsratte berichten. Doch sie hatte es wochenlang nie übers Herz gebracht, ihr das Essen vorzuenthalten, wenn sie ungehorsam war.
«Kein Problem», beruhigte sie Roger am Abend vor der Prüfung souverän. Aus Fachbüchern stellte sie bis am nächsten Morgen ein beeindruckendes Psychogramm des verwöhnten Nagers zusammen – und prompt wurde Priscilla mit der besten Note der ganzen Klasse ausgezeichnet.
«Warum liebe ich dich bloss mehr als du mich?» schluchzte Priscilla bei der Trennung auf dem Kennedy-Flughafen in New York. «Wir werden uns bestimmt nie mehr wiedersehen!» Roger stand hilflos da und wusste nicht, wie er auf ihren heftigen Gefühlsausbruch reagieren sollte.
Eine alte Frau, ebenfalls auf dem Weg nach San Juan, nahm Priscilla in die Arme und sagte zu Roger, er solle sich nur keine Sorgen machen, sie passe gut auf sein Mädchen auf.

*

Priscilla schickte täglich einen Liebesbrief nach Zürich. Doch nicht alle kamen bis zu Roger, denn seine Mutter Marcelle favorisierte Rachel und liess hin und wieder einen der parfümierten Umschläge im Abfallkübel verschwinden. Doch plötzlich kam in Hato Rey ein Telegramm an: «ICH BIN UNTERWEGS – STOP – IN LIEBE – STOP – DEIN ROGER.» Jeden Moment musste er ankommen! Zusammen mit ihrer Mutter wählte Priscilla ihr schönstes Kleid und putzte sich heraus. Und schon stand das Taxi vor dem Haus.
Am nächsten Abend hielt Roger (in der Zwischenzeit hatte er leidlich Spanisch gelernt) eine Ansprache im Familienkreis. Er wolle Priscilla heiraten, er liebe sie über alles und werde gut für sie sorgen. Schon morgen wolle er mit ihr in der Stadt einen Verlobungsring aussuchen, den er natürlich selbst bezahlen werde.
Priscillas Eltern waren beeindruckt von diesem Gentleman. Am nächsten Tag telefonierte die Mutter dem Juwelier: Gleich werde ein junger Schweizer mit 60 Dollar sein Geschäft betreten; er solle ihm jeden Wunsch erfüllen – die Differenz werde sie später begleichen.
Sie schwebten im siebten Himmel – doch Priscilla merkte, dass ihm etwas auf dem Herzen lag. Er wolle unbedingt, dass sie zum jüdischen Glauben übertrete, gestand er schliesslich, denn in seiner Familie dürfe diese Tradition keinesfalls verloren gehen. Priscilla hatte nichts dagegen, und so gingen sie zum nächsten Rabbiner, bei dem sie in den nächsten Wochen mit grossem Eifer jüdische Geschichte und die dazugehörigen Bräuche büffelte. Höhepunkt war das Ritual am Strand von San Juan: Dreimal wurde sie ins Wasser getaucht und anschliessend auf den jüdischen Namen Ruth getauft. «Sogar ein neues Badekleid habe ich extra gekauft», erzählt Priscilla, die sich ihre Konvertierung etwas ergreifender vorgestellt hatte.
Am 20. August 1970 heirateten sie in der kleinen Synagoge von San Juan. Die Avocado-, Guava- und Zitronenbäume im Garten der Familie Colon waren bunt geschmückt, und beim anschliessenden Fest wurde die riesige Hochzeitstorte angeschnitten und getanzt bis spät in die Nacht – Rogers Vater Abri, der etwas zuviel aus der Bowle mit den Früchtsäften und dem Rum geschöpft hatte, verblüffte alle mit seinem waghalsigen Kosakentanz.
Nach dem Honeymoon kreuz und quer durch Zentralamerika flog das Paar in die Schweiz, wo Rogers Eltern ein Begrüssungsfest für Priscilla organisieren wollten. Doch Roger bestand darauf, sich mit dem Geld eine neue Schreibmaschine zu kaufen.

*

Zwei Sachen fielen Priscilla ihr sofort auf: 1.) Mit Liebe zum Detail trennten die Schweizer ihre Abfälle, und 2.), ihr Radioprogramm war unglaublich langweilig. «In Puerto Rico ist es vielleicht nicht ganz so sauber», spottete sie, «dafür läuft rund um die Uhr mitreissende Musik!»
«Stimmt eigentlich», raunte Roger, ohne näher darauf einzugehen.
Mit Roger konnte sie über alles reden, doch ausserhalb der eigenen vier Wände fühlte sich Priscilla nicht richtig ernstgenommen. «Auf der Strasse wurde ich hemmungslos angestarrt», sagt sie, «viele hielten mich für ein Gogo-Girl aus der Karibik.»
Als ihre Mutter zum ersten Mal nach Zürich kam, meckerte sie: «Wieso benimmst du dich eigentlich so eingebildet? Siehst du nicht, wie Dir alle Männer freundlich zulächeln?»
Damit sie unter die Leute komme und Schweizerdeutsch lerne, schlug Roger vor, sie solle doch als Verkäuferin bei Jelmoli anfangen. Sie befolgte seinen Rat, doch nach ein paar demütigenden Wochen in der Taschentuch-Abteilung fragte sie sich, ob sie dafür wirklich vier Jahre Soziologie studiert habe. Auf eigene Faust organisierte sie sich eine Stelle in der Wertschriftenabteilung der Schweizerischen Kreditanstalt, wo man ihre Englischkenntnisse zu schätzen wusste. Doch Roger – er hatte soeben beim Schweizer Fernsehen Fuss gefasst – passte das überhaupt nicht. Warum sie ausgerechnet bei den Bonzen in der Hochburg des Kapitalismus anheuern müsse, reklamierte er. Bei seinen Kollegen komme das überhaupt nicht gut an.
Nichts sei Roger wichtiger gewesen als seine Karriere. Sie weiss noch, wie er einmal nachts um zwei Uhr aus dem Bett sprang, weil ihm die passende Melodie für seinen Filmbericht über den Tomatenüberschuss im Wallis in den Sinn gekommen war.
Sie wohnten in einem Mehrfamilienhaus in Glattbrugg, und abends kamen Rogers Komplizen aus der Medienszene zu Besuch. «Die waren alle so furchtbar intellektuell», beschreibt sie. «Ich servierte das Essen, und sie stritten den ganz Abend über irgend eine Krise auf der Welt.» Sie aber sass meist nur da und verstand nicht viel.
Als Priscilla einmal ihre chilenischen Freunde einlud, wollte er alles wissen über die politische und wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat. «Hör auf, meine Freunde zu interviewen», beklagte sie sich anschliessend, «wir wollen doch nur zusammensein, lachen und vielleicht sogar tanzen.»
Priscilla arbeitete unterdessen für die British Airways am Flughafen, und ihr Traum war eine nette Wohnung im Grünen. «Wir arbeiten hart und verdienen gut, warum sollen wir uns nicht bequem einrichten?» meinte sie.
Nur widerwillig zog er mit ihr ins ländliche Winkel bei Bülach. «Niemand wird uns hier besuchen», befürchtete Roger, der zu dieser Zeit den Kassensturz konzipierte. «Konsumterror» und «Wegwerfgesellschaft» hiessen seine Lieblingswörter, und ein luxuriöserer Lebensstil war ihm ein Greuel. Standhaft weigerte er sich etwa, als sich Priscilla einen Geschirrspüler anschaffen wollte, um abends nicht mehr so lange in der Küche stehen zu müssen.
Offensichtlich war Roger Schawinski auf dem richtigen Weg, denn sein beruflicher Aufstieg war nicht zu bremsen. Priscilla hingegen kam sich an seiner Seite immer überflüssiger vor. «An Partys stellte er mich einfach in eine Ecke und ging unter den Gästen herum.»
So lange wie möglich liess sie sich nichts anmerken und befolgte den Rat ihrer Mutter: «Bauch rein, Brust raus und immer schön lächeln!»
«Ich bin hier als Frau Schawinski», redete sie sich ein, «und als solche habe ich mich auch zu benehmen.»
Sie forderte ihn auf, mehr mit ihr zu unternehmen. Doch wo immer sie auftauchten, kam jemand und fragte: «Sind sie nicht der Herr Schawinski aus dem Fernsehen?»
Als sie an einem Empfang im Hotel Baur au Lac in ihrem neuen schwarzen Kleid viele Komplimente einheimste, warf er ihr anschliessend vor, warum sie sich so in Szene setzen müsse.
«Entschuldigung, dass ich lebe», entgegnete sie nur.
Eines Tages schnitt sie aus Protest ihre hüftlangen schwarzen Haare ganz kurz. «Ich bin auch ein Mensch, nicht nur ein Schmuckstück», habe sie damit ausdrücken wollen.
«Neben Roger kannst du nur erblassen», wurde ihr auf einmal klar, «wenn ich mich jetzt nicht von ihm trenne, bleibe ich für immer sein Schatten.»
Vor dem Scheidungsrichter, im Oktober 1977, heulte sie genau wie damals in New York am Flughafen. Zum Abschied schenkte sie ihm einen Weltempfänger (und er ihr eine Topfpalme) und sagte: «Ab heute wirst Du nie mehr wissen, ob Dich eine Frau wirklich Deinetwegen liebt – oder nur deshalb, weil Du reich und prominent bist.»
Oft habe sie sich selbst die Schuld am Scheitern der Beziehung vorgeworfen. «Schliesslich war ich es, die sich veränderte. Er ist immer genau der gleiche geblieben.»