Warum der Big Boss für einige seiner Mitarbeiter ein Halbgott ist

Wehe dem, der den Elfenbeinturm verlässt!

«Was, Dich gibt’s wirklich?» Wie oft hat Domenico Blass diesen Satz schon gehört! Noch heute wird er hin und wieder von Leuten angesprochen, die seinen Namen für ein Pseudonym von Roger Schawinski halten. Dabei geht er längst seinen eigenen Weg – zur Zeit schreibt er an einem Drehbuch fürs Schweizer Fernsehen.
Seinen Einstieg in den Journalismus hat er jedoch niemand anderem als Schawinski zu verdanken. «Wir konnten wüten, alles ausprobieren», erinnert sich Domenico Blass, der 1989 als 23jähriger zur Bonus-Truppe stiess und mit aufopferndem Einsatz dafür sorgte, dass das ursprüngliche PR-Heftli Info 24 zum aufmüpfigen Stadtmagazin mit ausserordentlich hohem Bekanntheitsgrad (gemäss Publitest über 55 Prozent bei den 15- bis 44jährigen im Raum Zürich) mutierte.
«Klar, Roger hatte immer das letzte Wort», räumt er ein, «er ist ein absoluter Leadertyp und hat etwas Guruhaftes.» Doch innert kürzester Zeit habe er unheimlich viel Verantwortung gehabt und plötzlich gemerkt: «Wenn ich die Arbeit nicht mache, macht sie niemand.» Effekt: «Ich habe a.) nächtelang durchgearbeitet und b.) wahnsinnig viel gelernt.»
Bald begannen «Schawis Buben» – wie sie von bösen Zungen gescholten wurden – über Zürichs Prominenz herzuziehen. Zu den ersten Zielscheiben gehörte Züri-Woche-Chefredaktor Karl Lüönd, dargestellt als blutrünstiger «Wilderer von Zürich» mit seinem Lieblingsopfer Ursula Koch als erlegte Häsin. Der Autoimporteur und SVP-Nationalrat Walter Frey («Geboren auf der Autobahn») wurde mit Nuggi und Strampelhose im Spielzeugauto abgebildet; der «Geld-Gärtner» Werner H. Spross als Dagobert Duck. Die Geschichte über den SVP-Politiker Ueli Maurer («Wir basteln uns einen Regierungsrat») habe er «sieben Mal umgeschrieben, bis sie Chef abgesegnete».
Wie er es bloss bei diesem Amokläufer aushalte, sei Domenico Blass immer wieder gefragt worden. Doch genau das Gegenteil sei der Fall: «Bei Roger hast du immer Rückenwind. Er pusht dich, klopft dir auf die Schultern und gibt dir das Gefühl, du bist der Beste und alle anderen haben keine Ahnung!» Wie gefährlich diese Selbstüberschätzung sein könne, merke man erst beim Verlassen des Elfenbeinturms. «Auf einmal bläst dir der kalte Wind entgegen.» Kein Wunder, so Blass, «kehren so viele nach kurzer Zeit wieder in seinen Schoss zurück».
Beflügelt von Schawinskis ewigem «You can get it if you really want» bewarb sich Domenico Blass beim renommierten Informationsmagazin 10 vor 10 des Schweizer Fernsehens, und tatsächlich wurde er von Chefredaktor Jürg Wildberger aufgenommen.
Mit breitem Grinsen kam Wildberger nach der ersten Woche auf Blass zu: «Der Direktor will dich sprechen!»
Mit weichen Knien und leichenblass schlurfte Blass ins Büro des Mannes, den er «so gottsjämmerlich in die Pfanne gehauen» hatte. Vor seiner Türe gab er sich einen Ruck, klopfte an und trat in die Höhle des Löwen.
Kalt musterte ihn der Boss von oben bis unten. Mit gesenkter, bedeutungsschwerer Stimme legte er los: «Es gibt genau drei Leute, die bei mir niemals arbeiten dürfen.»
Lange Pause, kalter Schweiss. «Sie gehören nicht dazu.»
«Aber», so fuhr er langsam fort, «Sie haben nicht die geringste Ahnung, wie man ein gutes Porträt schreibt.» Diese Gabe sei einzig und allein dem Journalisten Niklaus Meienberg vorbehalten.
Jetzt aber wolle er die Fünf gerade sein lassen und dass man sich gegenseitig wieder in die Augen schauen könne. «Damit ist diese Angelegenheit für mich erledigt!»

*

Noch lange nicht erledigt ist Schawinski für die 251 Mitarbeiter in seinem Medienkonzern ist Schawinski. «Für einige von uns ist Roger quasi ein Halbgott», sagt der 42jährige Hugo Bigi, Journalist und Moderator bei Tele 24, «die würden sogar ausrücken, wenn er sie nachts um drei bitten würde, sein Auto zu waschen.»
Tatsächlich bestehe in seinem Umfeld eine gewisse Vereinnahmungstendenz. «Leicht kann es passieren, dass es dir den Ärmel hereinnimmt.» Er selbst sei gefährlich nahe an diesen Punkt gekommen, doch «dann wurde es mir unwohl, und ich habe mich bewusst abgegrenzt.»
Grund für diese besondere Atmosphäre sei die Art der Leute, die er um sich schare. «Am liebsten hat er solche, die ewig dankbar sind, dass sie bei ihm arbeiten dürfen.» Meist seien es blutige Berufsanfänger, die ganz unten einsteigen und sich Schritt für Schritt hocharbeiten; bei der Tat gab er einem Strafentlassenen eine Chance, bei Radio 24 stellte er einen Junkie ein (der später Selbstmord verübte). Zum «System Schawinski» gehöre, dass «Fahnenflüchtige» nach einer gewissen Zeit reumütig zurückkehren.
Hugo Bigi debütierte im Sommer 1984 nach abgebrochenem Germanistik-Studium. Bis 1989 sammelte er Berufserfahrung als Moderator und Musikchef bei Radio 24 und war verantwortlich für die Clubzeitschrift Info 24 – doch dann überkam ihn Lust auf Abwechslung, was er seinem Chef in schriftlicher Form kundtat.
Doch so einfach kam er nicht davon. Schawinski kam ihm so weit entgegen, bis er es sich anders überlegte: Als Programmleiter und 20-Prozent-Teilhaber des soeben ins Leben gerufenen Klassiksenders Opus Radio, sah sich Hugo Bigi mit einer zu reizvollen Herausforderung konfrontiert.
Mit einem Dutzend Mitarbeiter stellte Bigi ein Programm mit leichtbekömmlicher E-Musik auf die Beine, das via Satellit bald 1,3 Millionen Hörerinnen und Hörer erreichte. Zudem verfügte das erste überregionale Privatradio der Schweiz über eine renommierte Trägerschaft (Bank Julius Bär, Tages Anzeiger, Migros sowie Tonhalle und Opernhaus). Das alles war Schawinski nicht genug: Der Makel war seiner Ansicht nach, dass Opus gemäss Konzession nur über Kabelanschluss empfangbar war – und ein Spartenradio, das «weder in der Badewanne noch im Auto» gehört werden könne, sei «nicht überlebensfähig».
Wie gewohnt setzte er alles auf eine Karte und verlangte bei Bundesrat Adolf Ogi ultimativ eine UKW-Frequenz. Nach der «schnöden Absage» des Medienministers schaltete er Inserate, die den unweigerlichen Tod von Opus vorhersagten, falls nicht sofort etwas geschehe.
Die Hoffnung auf ein Überleben schwand, als Schawinski der ganzen Opus-Belegschaft per Ende August 1992 vorsorglich kündigte – allerdings mit der Klausel, dass das Arbeitsverhältnis ganz normal weiterlaufe, falls die Behörden wider Erwarten doch noch eine terrestrische Frequenz erteilten…
Am letzten Sendetag, dem 31. Oktober 1992, versammelte sich die niedergeschlagene Crew im Studio. Letzte Appelle wurden verlesen und der sture Bundesrat bejammert – ähnlich wie bei den legendären Radio-24-Schliessungen. «Roger wollte unbedingt das Volk auf seine Seite bringen», erinnert sich Hugo Bigi, «aber Klassikliebhaber steigen eben nicht wie Teenager auf die Barrikaden.»
Zum Schluss ging die «Abschiedssinfonie» von Franz Joseph Haydn über den Äther – und punkt 12 Uhr regelte Hugo Bigi schweren Herzens den Regler ab. Nach Mitternacht herrschten Totenstille und grenzenlose Enttäuschung. Nichts sei schwieriger, als Schawinski umzustimmen, wenn er innerlich längst aufgegeben hat, meint Bigi. «Dann gehen die Lichter meist sehr schnell aus!»
Und wieder war Bigi auf dem Absprung: Eine Stelle bei der Sonntagszeitung schien sicher, doch dem Angebot als neuer Bonus-Chef konnte er nicht widerstehen. Kurz zuvor hatte Schawinskis rotzfreches Stadtmagazin für einen Skandal gesorgt: Weil sich Tages-Anzeiger-Chefredaktor Roger de Weck und sein Verleger Hans Heinrich Coninx weigerten, ihrer Zeitung das Heft mit dem Beitrag «Big is beautiful: Die Frau und ihr Wunsch-Penis» von Marianne Weissberg beizulegen, erschien es aus Protest mit sieben weissen Seiten. «Der Bonus-Artikel hat ein Niveau, das nicht einmal vom Tiefseeforscher Jacques Piccard mit seinem Spezial-Unterseeboot unterschritten worden ist», mäkelten die Verhinderer in einem Kommentar – und lieferten gleich eine Kostprobe mit: «Welcher Heimwerker würde nicht verächtlich lächeln, wenn seine Gattin in ein grosses Bohrloch einen zu kleinen Dübel schrauben würde?»
Durch das Potenzgehabe seiner Vorgesetzten liess sich Bigi nicht beirren. Kurzum porträtierte er seinen streitbaren Chef und Radio-Talkmaster im Bonus-Artikel «Wem die Stunde schlägt».
«Hand aufs Herz», schrieb er im Juni 1994, «als Hörerin und Hörer haben Sie sich doch jedesmal köstlich amüsiert, wenn Roger einen der Mächtigen, einen der ganz Grossen nach Strich und Faden kleingemacht hat.» Trotzdem seien bei seinen Recherchen nur wenige der «Doppelpunkt-Überlebenden» schlecht oder gar nicht auf ihr «Schawinski-Trauma» zu sprechen gewesen. «Claro. Wer will schon im nachhinein zugeben, dass er im Wortgefecht mit dem Winkelried der Yuppie-Generation sein persönliches Sempach erlitt?»
Schawinski liess Bigi gewähren. Nicht einmal die Behauptung, dass er den Doppelpunkt geschickt als «schlagkräftige Scud-Rakete für seine eigenen Ansichten» benutze, stritt er ab: «Klar, meine Meinung zu verbreiten, ist für mich das Salz in der Suppe.»
Weiter hielt Bigi fest, was aufgebrachte Gäste dem «Radioraufbold» entgegenschleuderten, so etwa Luigi Colani («Lach nicht so dreckig, mein lieber Schawinski»), Rosa von Praunheim («Wie hast Du es mit Analverkehr, Roschee?») oder Alice Schwarzer («Sie sind ein selbstgefälliger, pseudofortschrittlicher, gutaussehender Mann, braungebrannt, die Locken frisch gewaschen, den <frau> richtig gerne vom Stuhl putzt!»).
Als Schawinski Ende 1994 den Bonus zu 100 Prozent an den Tages Anzeiger abstiess (wo er im September 1996 das Zeitliche segnete), hielt er für Hugo Bigi bereits das nächste Zückerchen parat: Tele Züri. Als News-Moderator wurde er rasch zum Aushängeschild, und im Talktäglich kommt er als moderate Alternative zum Einsatz – unter anderem für Gäste, die sich Schawinskis Verhörstil verweigern.
«Ich habe nie versucht, Roger zu kopieren», meint Bigi. Er könne gut damit leben, «dass Schawinski in seinem Revier der Platzhirsch sein will».
Ein Geplänkel bahnte sich an, als sich Bigi im Frühling 1995 in die 22jährige Videojournalistin Eva Wannenmacher verliebte, die er zur Moderatorin ausgebildet hatte. Als das hoffnungsvolle Talent im März 1996 bei Tele Züri kündete, habe sich Schawinski benommen, so Bigi, «wie ein gehörnter Liebhaber». Schwer beleidigt sei er an einem Fest, zum Befremden der Umstehenden, grusslos an ihr vorbeigegangen. «Warum hast du sie nicht zurückgehalten», habe er Bigi vorgeworfen, «Du hättest es verhindern müssen!»
Das ging sogar seinem treusten Gefährten eine Spur zu weit, obschon er aus Erfahrung weiss: «Roger empfindet jeden Abgang als Verrat», und es sei «schwierig bis unmöglich», im Guten von ihm wegzugehen.
Mit grösstmöglicher Gelassenheit toleriert Bigi – unterdessen mit Eva verheiratet und Vater des dreijährigen Fabio – die Extravaganzen seines Chefs. So verwunderte es ihn kaum, als dieser kürzlich am späten Nachmittag mit seinem Mobiltelefon ins Studio anrief: Er sei jetzt auf dem Weg nach Zürich, um im Anschluss an den Filmbericht über den Staatsbesuch von Joschka Fischer in den Swissnews persönlich eine Stellungnahme über sein gemeinsames Jogging mit dem deutschen Aussenminister abzugeben.
«Geht’s noch?» und «Was will der jetzt noch in unserer Sendung?» seien die ersten Reaktionen auf der Tele-24-Nachrichtenredaktion gewesen. Doch pünktlich wie ein Uhrwerk stand Schawinski um zehn nach sechs frisch geduscht und geschminkt im Senderaum und liess sich von Hugo Bigi ein paar Fragen zu seinem aufregenden Erlebnis stellen.
Das ist eben noch echtes Privatfernsehen.