Warum Student Schawinski sein Leben im Sechstagekrieg für Israel opfern will
«Il n’y a pas de Business comme le Show-Business!»
Das war Roger Schawinski in seiner Glanzrolle! Keiner hätte den Captain Queeg überzeugender gegeben als der 22jährige. Die Vorstellung des Studententheaters habe «erheblich über dem Niveau der
üblichen Laientheater» gestanden, lobte das St. Galler Tagblatt nach der Premiere vom 2. Juni 1967 an der Hochschule. Respekt verdiene das «gewaltige Lernpensum» des Hauptdarstellers Roger
Schawinski, der «mit seiner ungewöhnlicher Begabung» und «erstaunlichen Spielintensität» brilliert habe.
Wie sehr die Rolle in «Die Caine war ihr Schicksal» auf ihn zugeschnitten war, konnte der Wirtschaftsstudent damals noch gar nicht wissen. Er hatte ja nicht die geringste Ahnung, dass er in ein paar
Jahren tatsächlich als Radiopirat eine aufmüpfige Crew anführen würde; und er war völlig unbelastet von der Vorstellung, später als berühmter Fernsehkapitän ein noch viel grösseres Schiff in
stürmischer See vor dem Kentern bewahren zu müssen.
Im Stück des Amerikaners Herman Wouk – es spielt im Gerichtssaal des 12. Marine Districts – wird die Nacht des 18. Dezember 1944 rekonstruiert. Damals wütete auf dem Atlantik ein Taifun, und der
US-Zerstörer Caine drohte mitsamt seiner Mannschaft kläglich unterzugehen. Nach heftigen Auseinandersetzungen über den Kurs übernahm der erste Offizier Stephen Maryk eigenmächtig das Kommando und
erklärte Schawinski – alias Leutnant Commander Philip Francis Queeg – kurzerhand als geistesgestört. Jetzt steht Maryk vor den Schranken des Kriegsgerichts – und im Fall einer Verurteilung droht ihm
die Todesstrafe wegen Meuterei.
Für Commander Queeg spricht die Erfahrung: Über viele Jahre hat er sich als zuverlässiger Kapitän bewährt, niemals hat er die Fassung verloren, und auch die Psychiater erkennen keinerlei Anzeichen
von Wahnsinn.
Doch Maryks Verteidiger Barney Greenwald weiss, dass er den Freispruch seines Mandanten nur erwirken kann, wenn er den Staatsanwalt von der zeitweiligen Geistesverwirrung des Kapitäns überzeugen
kann. Also stellt er Queeg mit gezielten Fragen an die Matrosen als engstirnigen, von Panikattacken und Verfolgungswahn gerittenen Befehlshaber dar. Jede noch so mickrige Macke deutet er als Zeichen
für seine Gemeingefährlichkeit, und im Kreuzverhör lockt er den Kapitän in einem taktischen Duell aufs Glatteis und manövriert ihn an den Rand des Nervenzusammenbruchs.
So entsteht immer deutlicher der Eindruck einer Mannschaft, die ihrem Kapitän auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist – und die einzig und allein deshalb zusammenhält, um nicht abzusaufen.
Hilflos muss Queeg mitansehen, wie allmählich sein zweites Gesicht zum Vorschein kommt, das er selbst nie wahrhaben wollte. Kalt lief es dem Publikum in der Aula den Rücken hinab, als Roger
Schawinski mit irrem Blick die beiden Stahlkugeln in seiner Hand aneinanderrieb.
Eindrücklich zeigte sich in diesen Szenen die gefährliche Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und manipulierter Wahrheit, und wie Fakten durch geschickte Interpretation ihren Aussagewert verändern
können.
*
Nur vier Tage nach der Premiere, am 6. Juni 1967, brach in Israel der Sechstagekrieg aus. Am Vormittag besuchte Schawinski noch eine Vorlesung, doch er vermochte sich nicht auf den Unterricht zu
konzentrieren und wurde vom Professor wegen Ruhestörung vor die Tür gewiesen.
Mit dem Überraschungsangriff der arabische Armeen war für Schawinski die schlimmste aller Befürchtungen eingetreten. Und sofort war ihm klar: «Wir Juden lassen uns nicht noch einmal ohne Gegenwehr
auslöschen wie bei Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg!»
Kurzentschlossen packte er Impfbüchlein, Pass und Schlafsack. «Ich kann nicht hier bleiben, während Israel zerstört wird», eröffnete er seinen Eltern, die ihren Sohn verzweifelt zurückhalten wollten.
Trotzig riss er sich los: «Wenn Israel untergeht, gehe ich auch unter!»
Zusammen mit zwei Dutzend Freiwilligen bestieg er um halb elf Uhr den Nachtzug nach Paris. Als Panzersoldat (auf einmal war er froh, die Rekrutenschule in Thun trotz aller Widrigkeiten durchgestanden
zu haben) wollte sich Schawinski den Aggressoren in den Weg stellen. Man warte nur noch auf ein Transportflugzeug, um die Widerstandskämpfer zusammen mit Waffen und Munition an die Front nach Israel
zu fliegen, hiess es am Besammlungsort.
Es vergingen zwei Tage, da vernahm es Schawinski in den Nachrichten: Die israelische Armee stehe bereits am Suezkanal, habe eine zweite Front nach Jordanien eröffnet und werde demnächst Jerusalem
einnehmen. Kurz: Statt des erwarteten Untergangs des gelobten Landes zeichnete sich ein militärischer Triumph ab.
Schawinski, der sei Leben in die Waagschale werfen wollte, kamen nun Zweifel an seiner Mission. «Auf einen kleinen Schweizer Soldaten warten die wohl kaum mehr», überlegte er – und kleinlaut löste er
sein Retourbillett nach Zürich. Wegen seiner Extravaganzen fielen in St. Gallen Theatervorstellungen aus, warf er sich jetzt vor. Und im gleichen Moment dämmerte ihm: «Mein Weg ist in der Schweiz,
und nicht in Israel, wo es keine zusätzlichen Helden wie mich braucht.»
Geblieben sei allerdings bis heute sein Gefühl, als Jude nie ganz in Sicherheit zu sein. «Irgendwie sitze ich immer auf dem gepackten Koffer», sagt Schawinski, auch wenn im Moment alles wunderbar
erscheine. In vielen Angstträumen erlebe er sich als Teil des Holocaust. Deshalb versuche er, immer etwas hellhöriger zu sein für verräterische Zwischentöne bei seinen Mitmenschen. Diese Sensibilität
habe aber einen entscheidenden Vorteil: «Dadurch sehe ich Entwicklungen viel schneller auf mich zukommen als andere!»
Die perfekte Voraussetzung für eine Karriere als Pionier!
*
Samstag, 1. Juli 1967: Um 17.15 Uhr setzt auf dem Chicagoer O’Hare Flughafen die Swissair-Maschine SR 160 auf. Auf einmal die Lautsprecherdurchsage: «Attention please! Can Mister Schawinski identify
himself?» Ein Jüngling mit Kurzhaarschnitt erhebt sich und schreitet an allen anderen Passagieren vorbei zum Ausgang. Dort wird die Luke geöffnet, und unten an der Gangway wartet eine schwarze
Limousine auf den Ehrengast, für den im Nobelhotel Palmer House bereits eine Suite reserviert sei.
Eine peinliche Verwechslung? Wie sonst ist der plötzliche Wirbel um den 22jährigen Studenten aus Zürich zu erklären, der noch niemals zuvor amerikanischen Boden betreten hat?
Mit einem Flugblatt im Schaukasten der Hochschule beginnt diese unglaubliche Geschichte: Der Lions Club St- Gallen suche Texte mit «Ideen zur Verwirklichung des Weltfriedens», hiess es da,
ausgeschrieben sei hiermit der internationale Essay-Wettbewerb «Search for Peace».
Schawinski hatte gerade nichts Besseres vor, also setzte er sich – wie so oft in seiner Freizeit – an seine Schreibmaschine und räsonierte über das Gut und Böse auf dieser Erde.
«Das Problem des Friedens beschäftigt die Menschenhirne wahrscheinlich schon seit Urzeiten, sicher jedoch nie in dem Masse wie heute», hielt er fest. «Friede ist kein erstrebenswertes Ziel mehr,
sondern sowohl ein kategorischer Imperativ wie auch die einzig mögliche Form des Weiterbestehens der menschlichen Rasse.»
Doch leider sei der Frieden gekennzeichnet durch sein negatives Image. Schon im Schulunterricht bedeute er leider nur die Periode zwischen zwei Kriegen: «Eine absolut uninteressante Zeit ohne
nennenswerte Ereignisse, langweilig sowohl für den Geschichtslehrer wie auch für den mit der Tradition verbundenen Durchschnittsmenschen.» Komme dazu, dass zum Krieg der Wille einer einzigen Partei
genüge, während der Frieden beidseitige Übereinstimmung voraussetze. «Vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb es eine so grosse Kunst ist, den Frieden zu gewinnen.»
Oft genug habe er sich als Zehnjähriger gefragt, ob es sich überhaupt noch lohne, weiterhin die verhassten Schulaufgaben zu lösen, «da ja innert Kürze die Bombe sowieso alles zerstören» werde. «Zum
ersten Mal in der vieltausendjährigen Geschichte der Menschheit besitzen wir die Mittel, um unsere eigene Gattung auszulöschen», beklagte Schawinski. «Scheinbar hat der Mensch Gott den Stab aus den
Händen genommen, mit dem bisher Entscheidungen über Tod und Leben gefällt worden sind.»
Nach Exkursen über Winston Churchills «Gleichgewicht des Schreckens» und die von John F. Kennedy souverän gemeisterte Kuba-Krise – «die Welt stand damals am Rande des Atomkriegs» – gelangte der
Student zur Einsicht, dass durch «ein geheimes Einverständnis» zwischen Amerika und Russland ein willkürlich ausgelöster Nuklearschlag zwischen den beiden Grossmächten so gut wie ausgeschlossen
werden könne. «Sicherungen sind seither eingebaut worden, dessen attraktivste sicher das rote Telefon ist, das den Kremlboss mit dem amerikanischen Präsidenten verbindet.»
Neues Ungemach sah er allerdings im ferneren Osten aufziehen; deshalb plädierte Schawinski für einen Dialog mit China, «denn jemand, den man aussperrt, versucht zu beweisen, dass er es alleine ebenso
gut schaffen kann!» Diese Entwicklung führe «geradewegs in die Katastrophe, eine totale Kehrtwendung unserer Politik ist unbedingt erforderlich!»
Zum Schluss steckte Schawinski seine Arbeit mit dem optimistischen Titel «Den Frieden gewinnen» in ein frankiertes Kuvert – und weg damit!
Weltweit wurden 103’585 Essays eingeschickt, fünf davon beim Lions Club St- Gallen. Einstimmig sprach sich die lokale Jury für den Beitrag von Roger Schawinski aus. Auf der nächsten Stufe (im
Distrikt Schweiz/Liechtenstein) ging Schawinski unter 148 Konkurrenten erneut als Sieger hervor. Zur Belohnung gab es 1000 Franken und eine Reise nach Kopenhagen. Hoch im Norden ging es um die Wahl
der besten Arbeit Europas. Mehr als 10’000 Arbeiten waren im Rennen – den Lorbeer holte sich: Roger Schawinski. Dieses Mal winkten 1000 Dollar – und eine Einladung zur Endrunde beim Jubiläumskongress
von Lions International in Chicago!
Natürlich sei er überglücklich, als Europasieger hervorgegangen zu sein, verriet Roger Schawinski kurz vor seinem Abflug einem Journalisten des St. Galler Tagblatts, aber noch viel wichtiger
erscheine ihm, dass er duch den Wettbewerb überhaupt Gelegenheit bekommen habe, sich mit dem Thema des Weltfriedens gründlich auseinanderzusetzen. Kein Wunder, flogen diesem bescheidenen
Friedensförderer sämtliche Herzen zu!
Höhepunkt war der Aufmarsch von 18’000 Teilnehmern aus 130 Ländern zum 50jährigen Bestehen von Lions International. Während mehr als fünf Stunden paradierten sie über die Michigan Avenue, gesäumt von
einer Viertelmillion Zuschauer am Strassenrand. Viele Augen waren auf den jungen Mann im grauen Anzug gerichtet, der allein auf weiter Flur vorüberschritt, voller Stolz sein Kartonschildchen mit der
Aufschrift «EUROPE» in die Höhe reckend.
Aus acht Finalisten des Essay-Wettbewerbs wurde am nächsten Tag der Weltsieger auserkoren. Ähnlich wie bei der Oscarverleihung verkündete Dean Rusk, ehemaliger US-Aussenminister, die Entscheidung der
Jury (der unter anderem der frühere US-Präsident Dwight D. Eisenhower angehörte): «And the Winner ist – R…» –
«Jetzt habe ich gewonnen!» durchzuckte es Schawinski, den Spickzettel mit der vorbereiteten Dankesrede in der schweissnassen Hand. Doch der Sieger hiess Russel Wodell aus Kanada.
Ein bisschen wurmte es ihn schon, dass ein anderer das Preisgeld von 25’000 Dollar einkassierte. Doch Schawinski glaubt zu wissen, warum er so knapp am Triumph vorbeischrammte: «Mit meinem Plädoyer
für engere Beziehungen zu China war ich für den amerikanischen Geschmack eine Spur zu fortschrittlich.»
*
Nach einer Woche in piekfeiner Gesellschaft, trat Roger Schawinski in Jeans und mit einer Sporttasche auf die staubige Strasse hinaus. «Endlich frei!» rief er, und mit einer lässigen Handbewegung
brachte er etwas Unordnung in seine getrimmten Haare. Dann bestieg er den nächsten Greyhound-Bus. «99 $ for 99 days» stand auf seinem Billett – eine tolle Gelegenheit, das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten (diese Floskel klang damals noch überhaupt nicht abgedroschen) kennenzulernen.
Zufällig liefen ihm im kalifornischen Yosemite-Nationalpark ein paar schrägen Typen über den Weg. «Was seid ihr für komische Vögel?» haute er sie an und musterte unverblümt ihre Sandalen, die bunten
Kleiderfetzen und die ausgefransten Haare.
«We are Hippies», antworteten sie freundlich. Wenn er mehr über ihre Bewegung erfahren wolle, müsse er unbedingt nach San Francisco reisen, genauer: in den Stadtteil Haight Ashbury.
«Okay», sagte der brave Student, und ein paar Tage später tauchte er ein in die Welt von Psychedelic-Shops, Love-ins und Flower-Power, wo an jeder Ecke für drei Dollar LSD-Pillen angeboten wurden.
«Das ist sensationell», jubelte Schawinski mit geweiteten Pupillen, «darüber muss ich unbedingt berichten!»
Nach intensiven Ermittlungen über das epochale Phänomen setzte er sich bei seiner Gastfamilie hinter die Remington und warf seine Eindrücke aufs Papier. Am 22. September 1967 veröffentlichte die
Weltwoche «Die blaue Blume von San Francisco», seinen ersten grösseren Zeitungsartikel. Weit hinten im Archiv ist noch ein vergilbtes Exemplar zu finden, und mit dem Enthusiasmus eines
Höhlenforschers liest man von seiner damaligen Begegnung mit einem 18jährigen Mädchen: «Susan liebt die Menschen, für sie ist der Mensch das einzig Wichtige auf dieser Erde, deshalb gibt sie den
Mitmenschen alles, was sie hat, – auch ihren Körper. Susan, sie wirkt im Gespräch sehr scheu und sanft, schläft mit allen männlichen Wesen ihrer Umgebung, die ihr sympathisch sind. Das Wort Treue im
bürgerlichen Sinn ist ihr unverständlich, sie kann nur dem Menschen als Ganzen treu sein, nicht einem einzigen Individuum.»
«Die Hippiewelt ist eine Synthese zwischen unserer westlichen Kultur und derjenigen des Ostens», analysierte der 22jährige. Vor allem in der Musik äussere sich dieses Streben nach Vereinigung der
beiden Geistesrichtungen: «Während die Rock’n-Roll-Musik als Vertreterin unserer westlichen Kultur durch den Tanz zu einer äusserlichen physischen Befreiung führt, ermöglicht die indische Musik diese
Befreiung von innen her. Wenn der Mensch als Ganzes erfasst werden soll, so müssen diese beiden Komponenten vereinigt werden, und genau das ist das Streben aller Hippie-Musik.»
Der Text endet – typisch Schawinski – mit einem Statement: «Hippies sind optimistisch; fasziniert von der schnellen Verbreitung ihrer Bewegung sehen sie eine Hippie-Zukunft, in der die Liebe zum
Menschen den heute herrschenden Egoismus besiegt hat.»
*
Gesellschaftlicher Höhepunkt im Schuljahr 1968 war der Hochschulball, und als Unterhaltungschef im Organisationskomitee war für Roger Schawinski sofort klar: Ein internationaler Star muss her, und
zwar kein Geringerer als Francoise Hardy, die er heiss verehrte! Allen im Ohr waren ihre Hits «Tous les Garçons et les Filles», «Mon Amie la Rose» und «Des Ronds dans l’eau».
Um die Chansonnière seiner Träume zu finanzieren, stellte er flugs eine Gala-Modenschau auf die Beine, bei der er «neun sich konkurrenzierende und bis aufs Blut bekämpfenden Modehäuser in einer Show»
vereinigte. Kaum hatte er genügend Sponsoren beisammen und Fernsehfrau Heidi Abel als Präsentatorin engagiert, kündigte er sich bei Francoise Hardy als Schweizer Journalist an und vereinbarte mit ihr
einen Interviewtermin. Der Annäherungsversuch glückte, sie trafen sich in ihrer Pariser Wohnung in der Nähe des Gare St-Lazare.
Um sich Respekt zu verschaffen, stellte der Student besonders freche und kritische Fragen. Wie oft sie mit ihrem Freund täglich Liebe mache, schoss er los. Vielleicht interessiere ihn ja auch, wie
oft sie Pipi mache, konterte die 24jährige enerviert und wollte die Übung schon abbrechen – doch irgendwie schaffte er es der vorlaute Grünschnabel, sie zu besänftigen und für die Mitternachtsshow am
18. Mai in St. Gallen zu verpflichten.
In seiner Euphorie bezeichnete Schawinski den Hochschulball als «die grösste, schönste, maximalste, interessanteste, bombastischste, kolossalste, sensationellste rauschendste Ballnacht», die St.
Gallen je erlebt habe. Sein Coup von Paris war tagelang Hauptgespräch auf dem Campus, und es kursierte das Gerücht, Hardy habe mehr gekostet als das Mensa-Mittagessen für 32 Jahre. Über die
Hauptattraktion schwärmte Schawinski in der Pressemappe: «Sie hat eine Mannequinfigur, Starallüren, lange Haare, graue Augen, je nachdem traurig oder lächelnd, einen sinnlichen Mund mit sinnlichen
Zügen.» Sie sei gleichzeitig «überheblicher Star und ein richtiges, geheimnisvolles und sensibles Mädchen.»
Um die Aufmerksamkeit ins Unermessliche zu steigern, verarbeitete er seine Notizen zu zwei Zeitungsartikeln. «Francoise trägt ein orangefarbenes Minikleid, das kürzeste, das ich je gesehen habe»,
verriet er in der Schweizer Illustrierten, «darunter trägt sie schwarze Strümpfe, die ihre langen Beine vorzüglich zur Geltung bringen.» Im Tages-Anzeiger wies er darauf hin, dass «ein Hauch von
Traurigkeit» ihre Persönlichkeit umgebe. «Doch wie brutal ist die Einsicht, dass durch ihre Traurigkeit, ihren Schmerz einige der schönsten Chansons entstanden sind, die wir kennen.»
Als Ballmotto wählte er – trendbewusst wie immer – den Begriff «Flower Power». Rektor Francesco Kneschaurek war entzückt: Das gefalle ihm viel besser als die «bei weitem nicht so zündenden»
Leitmotive der letzten Jahre wie etwa «Countdown» oder «Vive la différence». Aber nicht etwa wegen der hippiehaften Assoziationen, wie er im Vorwort der Ballzeitung betonte, denn «schliesslich haben
die Blumen ihre Zaubermacht schon ausgeübt, lange bevor einige langhaarige, ungewaschene und von aussen geschlechtlich kaum mehr auseinanderzuhaltende Nichtstuer sie zum Sinnbild ihrer Philosophie
erhoben haben.»
Alles schien geritzt. Doch ausgerechnet kurz vor Beginn des Hochschulballs brachen in Frankreich die 68er-Maiunruhen aus. Tausende Studenten strömten auf die Strassen von Paris und legten alles lahm.
Die Welt befürchtete, in der Grande Nation breche demnächst die Revolution aus und Staatspräsident Charles De Gaulle werde mitsamt dem bürgerlichen Establishment gestürzt.
«Wir können unmöglich nach St. Gallen reisen», jammerte Francoise Hardys Agent am Telefon, es fahre kein einziger Zug und im Flughafen Orly streike das Bodenpersonal. Doch Schawinski beharrte auf der
Einhaltung des Vertrages und drohte mit Schadenersatzforderungen. Revolution hin oder her – die Vorstellung, zum Gespött seiner Kollegen zu werden, war für Schawinski schlichtweg unerträglich.
Seine Kompromisslosigkeit zeigte Wirkung: Zwei Stunden vor der Show entstieg Francoise Hardy dem silbergrauen Rolls-Royce ihre Managers, und nach dem Nachtessen im Restaurant Hecht (Kartoffeln,
Blattspinat und Mineralwasser) begeisterte sie im glitzernden Aluminiumkleid das St. Galler Publikum.
Nach dem letzten Chanson liess es sich Schawinski nicht nehmen, seiner Eroberung vor aller Augen auf der Bühne einen Blumenstrauss zu überreichen und sie – endlich! – auf die Wange zu küssen.
«Il n’y a pas de Business comme le Show-Business!» freute er sich.
Schawinski online

