Aus Langeweile steigt Schawinski ins Filmgeschäft ein – und landet den Flop seines Lebens

Der Tangotänzer in Hollywood – und seine Rückkehr nach Seldwyla

Kurz vor sechs: Selfmade-Fernsehdirektor Roger Schawinski schnappt sich die Fernbedienung und switcht auf Tele 24. «Mal sehen, was meine Leute geleistet haben.»
Hugo Bigi blickt gewohnt seriös aus seinem frischgebügelten Hemd. Doch die Swissnews beginnen mit einem Drama: In Basel wurde eine 25jährige Türkin von ihrem Bruder mit dem Küchenmesser erstochen, und der übereifrige VJ hat am Tatort den blutverschmierten Boden und die verspritzte Wand abgefilmt. Mit versteinerter Miene schildert er, wie der vierjährige Sohn über seine tote Mutter klettern musste, um in der Nachbarschaft Hilfe zu holen. «Furchtbar, furchtbar», schüttelt es den Chef hinter seinem Schreibtisch.
Wer entsetzt seinen Blick vom Bildschirm abwendet, entdeckt auf einmal den goldenen Käfig neben dem Fernseher; ein Geschenk von Arthur Cohn, dem erfolgreichsten Schweizer Filmproduzenten («Black and White in Color», «American Dream», White Lies»). Weil’s so schön klinge, will Schawinski das Vögelchen zwitschern lassen. Doch es gibt keinen Ton von sich. «Der Vogelsang kann gestört werden, wenn etwas Staub in die Pfeife eingedrungen ist», heisst es in der Bedienungsanleitung, um diese Störung zu beheben, müsse man mit Hilfe einer Münze den geschlitzten Knopf drücken. Trotz Schmiergeld: Der Sänger hält den Schnabel.
Lassen wir also Schawinski erzählen, warum ihn Mitte der achtziger Jahre das Gefühl bedrückte, er sei in einem goldenen Käfig gefangen, in dem sich nur noch Staub ansammle.
«Jenseits der magischen Vierzig war für mich das erfolgreiche Radio nur noch graue Routine», rückt er heraus, «es gab nichts mehr zu erobern, und langsam aber sicher wurde es mir in Zürich zu eng!»
Hollywood! Das war schon immer seine heimliche Leidenschaft – und jetzt hatte er endlich genügend Mittel, um im schillernden Geschäft mit den Illusionen eine wichtige Rolle zu spielen. Zwar hatte er mit seiner Ehefrau, Regieassistentin Ina, bereits einige interessante Leute aus der deutschen Filmszene kennengelernt – darunter Götz George, mit dem er sich in den Ferien auf Sardinien einen Abend lang mit männlichen Kraftmeiereien vergnügte («Wer ist stärker im Armdrücken? Wer verträgt mehr Alkohol?») –, doch mit dem Macho-Duell «Schawinski gegen Schimanski» waren seine cineastischen Sehnsüchte längst noch nicht gestillt.
Also fing er Feuer, als an sein Ohr drang, der renommierte Schweizer Filmhändler Martin Hellstern wolle die Hälfte seiner Stella-Gruppe verkaufen und suche einen Nachfolger. In seinem Büro versicherte ihm Hellstern glaubhaft, ohne ihn hätte es in den 70er Jahren kein Comeback von Charlie Chaplin in Amerika gegeben, und nuancenreich schilderte er, wie er damals Sean Connery dazu brachte, trotz aller Bedenken in «Never say Never again» noch einmal den James Bond zu geben.
Als Schawinski im Büchergestell einen echten Oscar erblickte, war sein letzter Zweifel beseitigt, und per 1. Januar 1987 kaufte er sich ein in die Welt von Glanz und Glamour. Es handle sich «um eine siebenstellige Zahl», verriet er der Bilanz, ja, er habe «das letzte Hemd» hergeben müssen. Doch das zog er gerne aus für die Chance, international tätig zu sein – und vielleicht sogar seine Traumfrau Kim Basinger kennenzulernen.
Und tatsächlich: Wo immer er mit Hellstern aufkreuzte, waren sie umgeben von Stars und von Menschen, die gerne von Stars umgeben sind. Einmal schüttelte Schawinski die Hand von Bernd Eichinger, der soeben Umberto Ecos «Der Name der Rose» realisiert hatte; dann plauderte er mit Saul Zaentz über «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins». Auch das Festival in Cannes war jetzt ein Muss, und weil sie jeweils in Hellsterns Appartement in Cap Martin logierten, eine knappe Autostunde vom Schuss entfernt, stürzten sie sich jeden Abend in einer Tiefgarage zwischen zwei parkierten Autos in den Smoking. «Was tut man nicht alles, um bei der Gala Joan Collins und Roger Moore für ein paar Augenblicke nahe zu sein!»
Zum Alltag gehörte das Visonieren von B-Movies und das Durchackern von Drehbüchern: die meisten waren indiskutabel, ab und zu tauchte ein Mittelmässiges auf. Doch eines schönen Tages rannte der unerschütterliche Optimist mit dem Wälzer eines völlig unbekannten Autoren durch die Gänge. «Ganz super, lässig!» rief er aus, «das wird ein Knüller!»
Erst schüttelten die Kollegen den Kopf, doch dann hörten sie es in den Nachrichten: «Der Gewinner der Goldene Palme von Cannes ist – <Sex, Lies & Videotapes>!» Plötzlich galt Schawinski als Mann mit dem goldenen Riecher.
Den nächsten Coup versprach er sich von Leonard Schrader – dem Autoren des Kinohits «The Kiss of the Spiderwoman». «Naked Tango» hiess seine Vorlage zu einem nicht ganz jugendfreien Spielfilm, der im Argentinien der dreissiger Jahre spielt.
«Mein idealer Einstieg als internationaler Filmproduzent!» befand Schawinski und entschied, den Streifen zusammen mit einem japanischen und einem amerikanischen Partner zu finanzieren. So sicher war er sich seiner Sache, dass er auf die sonst übliche «Completion Bond» verzichtete, eine Garantie, dass der Film zum budgetierten Preis vollendet wird. «Wenn er fertig ist, holen wir das Doppelte und Dreifache heraus», versicherte ihm Hollywood-Produzent David Weismann.
Ein Glücksfall war die Hauptdarstellerin Mathilda May – Filmkritiker feierten die brünette Französin bereits als Nachfolgerin von Brigitte Bardot. Über «Naked Tango» sagte sie: «Es ist eine Rolle, die alle Gefühle auf einmal beinhaltet: Die Angst, die Traurigkeit, die Wut und die absolute Liebe.»
Die Story: Ein Passagierschiff auf dem Atlantik nimmt Kurs auf Buenos Aires. Im eleganten Salon langweilt sich die schöne Stefanie mit ihrem Ehemann, einem angegrauten Richter. Zufällig beobachtet sie bei einem Spaziergang auf Deck, wie eine junge Frau über Bord springt. In diesem Moment kommt sie auf die verhängnisvolle Idee, die Identität der Selbstmörderin anzunehmen. Kaum an Land erkennt Stefanie, die jetzt Alba heisst, warum sich das Mädchen in den Tod stürzte: Am Kai wartet Zico, ihr Zuhälter. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: In Panik ersticht sie ihren ersten Kunden, einen fetten Juwelier. Sie flieht aus dem Bordell und will in ihr früheres Leben zurückkehren. Doch es gibt kein Entrinnen.
Irgendwie fühlte sich Schawinski von dieser Handlung angesprochen. Schliesslich war ja auch er dabei, seinem Leben eine neue Wendung zu geben.
Wie ein Staatsmann wurde der Newcomer als Geldgeber bei den Dreharbeiten in Buenos Aires empfangen. Fasziniert verfolgte er Stefanies Drama im aufwendig nachgebauten Bordell und die temperamentvollen Tanzszenen im Schlachthof. Nur der Schluss des Films (bei einer Schiesserei kommen alle Protagonisten theatralisch ums Leben) gefiel ihm nicht. Also tippte Schawinski im Hotelzimmer rasch eine neue Version: In seinem Happy-End überlebt Stefanie, und am Schluss steht die Schöne wieder auf dem Dampfer – und hat eine zweite Chance, alles anders zu machen.
«Interessant», murmelte der Regisseur, doch vom finalen Blutbad liess er sich nicht abbringen.
In seinem Enthusiasmus unterschätzte Schawinski die gefährlich anschwellenden Kosten – einmal gaben die Produzenten die Inflation des Pesos schuld, ein anderes Mal schoben sie das schlechte Wetter vor. Als er den über zehn Millionen Dollar teuren Film zum ersten Mal in der Rohfassung sah, wurde ihm schlagartig bewusst: «Es ist ein einziges Desaster!»
Mit einem letzten Funken Hoffnung («Vielleicht hat er ja versteckte Qualitäten») führte Weismann den Streifen Cannes-Festivaldirektor Gilles Jacob vor. Dieser reagierte mit einem mitleidigen Schulterzucken. «Forget it!»
Schawinskis Image als Kino-Wunderkind war dahin. Sofort verwarf er die Hände, als ihm der Schweizer Filmemacher Rolf Lyssy die Rohfassung seiner neusten Komödie mit Matthias Gnädinger präsentierte: «Das will doch niemand sehen!» («Leo Sonnyboy» wurde der erfolgreichste Schweizerfilm des Jahres.) Und als ihn ein Produzent in London anfragte, ob er sich an einem Indianerfilm mit Kevin Costner beteiligen wolle, winkte er hastig ab: Die Zeiten von «Indianerfilmen à la Winnetou» seien endgültig passé. («Dances with Wolves» gehört zu den grössten Kinoerfolgen der achtziger Jahre.)
«Irgendwie habe ich nie ganz geschnallt, wie die Deals laufen», sieht Schawinski heute ein. Die Ernüchterung sei mit der Einsicht gekommen, «dass ich nichts Besseres bin als alle anderen kleinen Filmhändler, die sich von morgen bis abend um den Abfall balgen». Zudem habe sich der Sex-appeal im Filmbusiness auf ein paar Partys beschränkt – und sogar das vielgerühmte Beverly Hilton in Hollywood sei nicht mehr als «ein stierer Kasten».
Nebenbei musste sich Schawinski als Stella-Geschäftsführer um Kinorenovationen kümmern und entscheiden, ob in seinen Sälen Pop-Corn konsumiert werden dürfe oder nicht. Immer deplazierter fühlte er sich im halbseidenen Milieu seines Videovertriebs, wo Actionthriller mit Sylvester Stallone, Michael Dudikoff und Chuck Norris sowie Softpornos mit Olivia Pascal und Rutger Hauer das Geschäft animierten. «Will ich, dass meine Kinder solche Filme schauen?» fragte er sich – und kam sich dabei vor wie ein Drogendealer auf dem Platzspitz.
Als er schliesslich einem Mitarbeiter auf die Schliche kam, der unter dem Ladentisch harte Pornos verkaufte, verwandelte sich Schawinskis Hollywood endgültig in ein Waterloo. «Jedesmal, wenn ich im Seefeld ins Büro ging, hatte ich einen riesigen Klumpen im Magen», entsinnt er sich.
«Ich will subito alles loswerden», überfiel er Martin Hellstern eines Morgens im Februar 1990. Die beiden verhandelten nicht lange. «Was ist schon eine Million?» so Schawinski, «wenn ich einen Tag früher dort wegkomme, ist sie mir das wert.»
«Im Lokalen, wo er alles überblicken und kontrollieren kann, ist er unschlagbar», bilanziert Hellstern. «Roger Schawinski gehört eben doch nach Seldwyla – und nicht nach Hollywood!»
PS: Von Zeit zu Zeit ist der «Nackte Tango» auf RTL 2 oder Pro 7 zu sehen – allerdings in einer stark gekürzten Fassung, mit den schärfsten Sexszenen als Hauptattraktion…