Ein Tag im Leben des dienstältesten Videojournalisten von Tele 24
Von zähnefletschenden Bestien und ihrer Schwäche für Alphatiere
Montagmorgen. Kurz nach neun kommt Matthias Ackeret ins Fernsehstudio auf dem Zürcher Steinfels-Fabrikareal. Er schnappt sich einen mobilen Arbeitsplatz, holt sich einen Espresso am Kaffeeautomaten
und wirft im Vorbeigehen einen Blick durch die weissen Lamellen des Chefbüros. Ja, er ist da – Schawinski sitzt am Schreibtisch und telefoniert.
«Es ist nicht gerade der Teufel los», konstatiert Programmleiter Nik Niethammer um halb zehn an der Themensitzung von Tele 24. Nur gerade so viel: Mit dem Güdismontag beginnt in Luzern das
Fasnachttreiben. In Hannover windet sich Tennisspielerin Patty Schnyder nach wie vor in den Fängen eines obskuren Heilers. Und in der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz ist vor wenigen Tagen ein
alter Mann mit seinem Auto rückwärts in die Grube gestürzt. «Hat jemand eine bessere Idee?»
Die Videojournalisten – kurz VJs genannt – wirken unkonzentriert. Aufregender als das Weltgeschehen ist im Moment das Getöse im eigenen Haus: Die beliebte Moderatorin Daniela Lager hat nämlich am
letzten Freitagnachmittag gekündigt; sie will am 1. Februar 2000 bei RTL/PRO 7 anfangen, «nach Ablauf der Kündigungsfrist und des einmonatigen Konkurrenzverbots», wie am Anschlagbrett nachzulesen
ist. Viele haben gestern abend den Sonntalk gesehen und Schawinskis Anspielung verstanden, als er – gefragt nach dem Ärgernis der vergangenen Woche – lapidar antwortete: «Ärger? Da habe ich
eigentlich nichts auf Lager.»
Auf einmal tritt er höchstpersönlich ins Sitzungszimmer – ein äusserst seltenes Ereignis! Der Boss wirkt müde, angespannt. «Es sind aufgeregte Zeiten», fängt er an, und viel Negatives sei zu hören.
Doch er erlebe diese Situation nicht zum ersten Mal. Genau gleich sei es in den Anfängen von Radio 24 und Tele Züri gewesen: «Zuerst schüttet es Neid und Häme, und plötzlich wird es Kult!»
Jetzt, an diesem Montagmorgen, sage er es zu allen: «Wir haben das beste Konzept und die spannendsten Arbeitsbedingungen in dieser Pionierzeit! Wir sind auf Kurs und werden unser Ziel
erreichen!»
Nach feurigen Durchhalteparolen schlägt er einen besinnlichen Ton an. Natürlich habe er gewusst, dass seine besten Leute jetzt im Schaufenster stehen, sagt er leise. «Jetzt profitieren die anderen
und werben uns alle ab, nachdem ich sie ausgebildet und bekannt gemacht habe». Sollte jemand «ein Problem» (gemeint ist: ein Angebot von der Konkurrenz) haben, stehe seine Türe jederzeit offen.
«Ich bin wahnsinnig stolz darauf, was wir zusammen geleistet haben», beteuert er im Hinausgehen – ohne zu ahnen, dass zehn Minuten später Produzent Gregor Sonderegger in seinem Büro antraben wird: Er
will zu TV 3 wechseln, und zwar ohne den Ablauf seiner Kündigungsfrist abzuwarten – die Konkurrenz hat ihm für den Fall von rechtlichen Konsequenzen volle Rückendeckung zusichert…
*
Es ist ein ewiger Kampf ums Überleben, und dieser spielt sich tagtäglich an den unterschiedlichsten Schauplätzen ab. So sind übers Wochenende in Belgien und in Deutschland ein Säugling und eine Frau
von Rottweilern totgebissen worden. Das ist doch etwas für die Swissnews von heute abend!
«Super wäre es, jemanden zu finden, der in der Schweiz von einem solchen Köter angefallen worden ist», wirft Matthias Ackeret ein – und schon hat er den Auftrag gefasst. Sofort lässt er sich zum
Thema dokumentieren, erledigt ein paar Telefongespräche.
Ohne doppelten Espresso und einen Beigel geht Ackeret nicht auf die Piste. Im Back & Brau setzt sich Kollegin Anna Walser an den Tisch. Sie ist a.) entfernt mit dem Schriftsteller Martin Walser
verwandt und b.) verzweifelt: «Ich bringe kaum Publikum fürs nächste Bistro zusammen», klagt sie. «Wer kommt schon freiwillig um vier Uhr nachmittags in so eine Sendung?»
Über 3000 Studiogäste habe sie in den letzten Monaten für Tele 24 organisiert; von früh bis spät rufe sie irgendwelche Leute an, überrede Rentner und Arbeitslose, verschicke Briefe an Vereine und
lasse auch nicht locker bei Verwandten und Bekannten. Oft ködere sie die Leute mit einem Rundgang durchs Studio. «Meist muss ich hoch und heilig versprechen, das Büro von Roger Schawinski zu
zeigen.»
Doch Ackeret hat ein dringenderes Anliegen: «Kennst du jemanden, der von einem Rottweiler angefallen worden ist?»
«Meine Mutter ist vor fünfzehn Jahren gebissen worden.»
«Hat sie eine sichtbare Narbe?»
«Ja», antwortet Anna, «aber es fällt langsam auf, wenn mein Mami schon wieder im Fernsehen kommt.» Erst kürzlich sei sie zum zweiten Mal bei Silvan Grütter zu Gast gewesen. Thema: «Schönheit um jeden
Preis» – dort habe sie eine attraktive ältere Frau gespielt, die sich niemals unters Messer eines Schönheitschirurgen legen würde.
Ackeret blickt auf seine IWC. Mit dem blauen Honda Civic geht’s los ins Solothurnische. Im Zwinger vom Sägethus in Boningen richtet der VJ seine Kamera auf die drei Rottweiler Ulla, Noah und Ambra,
die mit einem Fussball herumtollen. Für eine Nahaufnahme entblösst Züchter Harry Meister ein Hundegebiss mit einer angeblichen Beisskraft von 800 Kilogramm pro Quadratzentimeter.
Ackeret streckt dem Mann mit der Baseballmütze das Mikrophon entgegen. «Sind sie gefährlich?» fragt er knapp.
«Der Hund ist ein Abkömmling vom Wolf», entgegnet der Züchter, während die Hunde zähnefletschend an ihm hochspringen, «ein Tier mit seinen ureigenen Instinkten und Trieben.» Solange der Mensch im
Rudel an erster Stelle stehe, habe er überhaupt nichts zu befürchten.
Eine «Schwäche für Alphatiere» habe er schon immer gehabt, bekennt der dienstälteste VJ auf der Weiterfahrt zum nächsten Drehort. Und Roger Schawinski sei für ihn nach wie vor einer der Grösste. «Er
ist eben nicht nur Financier, sondern auch Showman, Journalist, Personalchef, Werber, Hausjurist…» Genau das mache ihn international einzigartig.
Als einziger im Tele 24-Team war Ackeret (unterdessen promovierter Jurist mit Dissertation zum Schweizer Radio- und Fernsehrecht) bereits beim Start von Tele Züri im Herbst 1994 dabei und liess sich
in einem zweimonatigen Crashkurs von Videopionier Michael Rosenblum auf den neuartigen Job vorbereiten. Die revolutionäre These des New Yorkers: «Mit einer Hobbykamera könnt ihr Fernsehen machen!»
Sein Grundrezept: «Immer schön gerade draufhalten, keine Schwenks, keine Zooms!» Nachdem Ackeret in diesem Sinn 318 Filmbeiträge realisiert hatte (darunter das unvergessliche Interview mit dem
damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, dem er – kaum war er dem Privatflugzeug entgestiegen – zu Leibe rückte und fragte: «Wie gefällt es Ihnen in Zürich?» und dieser im Zurückweichen
entgegnete: «Ich seh’ ja nichts, ich seh’ ja nur Sie, und ansonsten seh’ ich nur Nebel!») war er bei Roger Schawinski im Talktäglich zu Gast. Er, der ehemalige Tutti-Frutti-Pirat aus alten
Radiotagen, sonnte sich eine knappe halbe Stunde lang im Glanz seines Jugendidols!
Doch jetzt richtet er seine Kamera auf den Besitzer des Rottweilers, der vor drei Jahren als «Bestie von Brittnau» für Blick-Schlagzeilen gesorgt hatte. «Anja ist das liebste Tier auf der Welt»,
japst der rothaarige Bauer, während sich der verspielte Hund in seinen Arm verbeisst. «Der Bericht kommt um sechs Uhr auf dem Schawinski-Sender», sagt Ackeret zum Abschied.
«Eine Jahrhundertsequenz», jubelt er auf der Rückfahrt, «das ist echtes Fernsehen!»
Zurück im Studio schreibt Ackeret innert weniger Minuten den Text zum Beitrag «tödliche Rottweiler». Im Schnellverfahren werden die Szenen mit modernster Studiotechnik zusammengeschnitten und
vertont. Zwei Minuten vor Beginn der Swissnews keucht Ackeret mit dem fertigen Band in den Regieraum.
Auf der anderen Seite der dicken Glasscheibe lockert bereits Moderator Hugo Bigi seine Kaumuskeln und wartet auf das Zeichen zum Loslegen.
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